Wie Konflikte eskalieren und was daran überhaupt gut sein kann…

 

Nein, das ist kein Artikel darüber wie Paarbeziehungen friedlich getrennt werden! – „Keine Beziehung geht romantisch zu Ende“ sagt der Vater meines besten Freundes mit einem Geltungsanspruch weit über den Horizont von Mann-Frau-Verbindungen hinaus. Daran will ich in diesem Artikel aber nicht zweifeln, auch wenn ich es natürlich könnte.

Der Begriff „Rosenkrieg“ dient vielmehr als Schlagwort wie kein anderes für jenes Konfliktverhalten, bei welchem sich der nüchterne Betrachter oft keine höhere Vernunftlosigkeit mehr vorstellen kann.

 

An dieser Stelle bereits der vielleicht größte Take-Away dieses Artikels für dich:

Unterscheide den Konflikt und die Methoden, mit ihm umzugehen!

 

Gewaltvolle Auseinandersetzungen, Machtkämpfe und gegenseitige Verunglimpfungen sind eben nicht der Konflikt, sondern nur der Umgang mit einem Konflikt!

 

Wenn es hoch hergeht, dann eskaliert also streng genommen nicht der Konflikt selbst. Es sind die Worte und Taten der Streitparteien, die eine Auseinandersetzung zu einem Streit und schließlich zu einem schmutzigen Spiel werden lassen können. Der zugrundeliegende Konflikt ist weder gut noch schlecht, er ist letztlich neutral und lässt uns entscheiden wie wir damit umgehen:

 

  • …Ob wir unseren Blick hinterfragen und den des anderen ergründen wollen,
  • …ob wir der Vielschichtigkeit unserer Welt Raum geben wollen,
  • …ob wir die Entwicklung aus unseren Verwicklungen wollen,

oder eben nicht.

 

Es lohnt ein Blick auf die typischen Phasen über die ein Streit eskalieren kann. In der Welt des Konfliktmanagements kursieren hierzu unterschiedliche mehr oder weniger zitierte Modelle. Ich maße mir mal an, die Essenz aus zwei bekannten Modellen der Konfliktexperten Friedrich Glasl und von Heinz Messmer wie folgt zusammenzufassen:

 

So eskaliert der Streit

 

1- Verhärtungen im Diskurs

 

Es beginnt immer mit einer expliziten oder wahrgenommenen Gegensätzlichkeit. Eine Verschiedenheit, die Themen- und noch nicht Personen-bezogen ist. Auf dieser Stufe wollen die betroffenen Personen sich von ihrer Sicht überzeugen und argumentieren für ihren Standpunkt. Der Diskurs auf dieser Ebene sichert das Verständnis. Aber nur wenn es gut läuft. Irreführenderweise heißt es auf der Stufe oft „Mehr Kommunikation“, hilfreich ist aber nur „Meta-Kommunikation“. Gemeint ist eine andere Gesprächsebene zur Ergründung dessen was hinter den geforderten Taten und Meinungen steht. Und auch wenn der Liebe Gott uns Menschen das Instrument der Sprache geschenkt hat, so droht sie auf dieser ersten Stufe der Gegensätzlichkeit bereits zu verstummen, weil uns der Weg zu den richtigen Worten und zu den richtigen Fragen verschlossen bleibt.

 

2- Enttäuschung und Identität

 

Und fließend geht die Ablehnung über von der Sache auf die Person. Die darin verkörperte Getrenntheit von der Sicht des anderen nährt die eigene Identität und das ist grundsätzlich auch gut so. Wir alle sind verschieden und nach dem deutschen Philosophen Martin Heidegger werden wir durch das DU zum ICH. Wir wollen aber unglaublich gerne Recht haben und so weichen direkte Anschuldigungen schnell der sich einstellenden Enttäuschung. Und auch wenn sie negativ konnotiert ist, so ist sie in Wahrheit etwas sehr Erfreuliches. Die Ent-Täuschung! Sie befreit von einer Täuschung, der wir vorher unterlegen waren. Die positive Energie des Aha-Effekts macht den Menschen sodann schnell anfällig eben diese Erkenntnis mit anderen zu teilen. Erste Verbündete dienen als Fundament der Frontenbildung.

 

3- Malen eines Feindbildes

 

Spätestens jetzt ist es nicht mehr das Verhalten des anderen, das nicht in Ordnung geht, sondern die ganze Person grundsätzlich, die dem Tunnelblick zum Opfer fällt. Dann ist kaum noch etwas gut an ihr. Die Angst vor der (sozialen) Niederlage treibt den Streitenden dazu, den anderen zu verletzten bevor er selbst Schaden nimmt. Es geht jetzt ums Gewinnen. Auch Gewalt ist ab dieser Phase erlaubt, im Zweifel gerechtfertigt durch die Logik präventiver Notwehr. Damit es auf dem Gipfel der wahrgenommenen Unvereinbarkeit nicht zu schwindelig wird, schreitet die Koalitionssuche – begleitet von einseitigen Anschuldigungen – voran.

 

4- Macht gegen Freiheit

 

In dieser Not wird als nächstes zum Droharsenal gegriffen in der Hoffnung, die Situation so in den Griff zu bekommen und den Konflikt beenden zu können. Ohne es zu sehen schadet der Streitende bereits hier sich selbst, weil bei einer Drohung anders als bei einer Warnung zwangsläufig die Vollzugsmacht enthaltenes Versprechen ist. Soll heißen: Durch die Drohung schränken wir unsere Handlungsfreiheit ein, weil wir den Worten Taten folgen lassen MÜSSEN.

 

5- Erziehungskeule

 

Hinter der Drohkulisse folgt mehr oder weniger automatisch die vorletzte Eskalationsstufe. Die Drohung wird wahr gemacht. Eine erzieherische Notwendigkeit um zu zeigen, dass sie offensichtlich ignoriert wurde. Bei dem Grad der jetzt vorliegenden Verfeindung wird aktiv in Kauf genommen sich selbst zu schaden, sofern der Schaden bei dem anderen dadurch höher ist als der eigene. Zugleich erreicht in dieser Phase das Maß der Beschuldigung ein neues Niveau, denn die Bestrafung bedeutet auch: Du bist nicht nur schuld an dem Konflikt, sondern auch daran, dass ich jetzt selbst schuldig werden musste.

 

6- Gemeinsam in den Abgrund

 

Die Konflikttheorie sieht eine letzte Eskalationsstufe vor, die aber aus meiner Sicht mehr theatralisch inszeniert als praktisch relevant einzustufen ist. Die Rede ist hier von der eigenen Vernichtung – solange dadurch auch der andere damit zerstört werden kann. Diese Aufzehrung bis zur letzten eigenen Ressource nämlich dem eigenen Leben – wenn auch (nur) sozialen Leben – ist der Höhe- und zugleich Endpunkt irrationaler Streitverbissenheit.

 

Ein Resümee

 

Unschwer zu erkennen, dass Konflikte – ausgetragen auf den ersten beiden Stufen – vielleicht noch im grünen Bereich verlaufen und durch Selbsthilfe bei der friedvollen Auseinandersetzung bleiben können. Aber auch den weiteren Stufen kann etwas Positives abgerungen werden: Jeder Stufe wohnt eine Signalwirkung inne. Es kann erkannt werden, dass das Zusammenspiel der Kräfte in einen gefährlichen Abwärtsstrudel geraten ist. In dessen Verlauf oft immer weniger klar ist, welcher Konflikt das alles überhaupt ausgelöst hat. Das Signal ist ein Appell an die eigene Verantwortung, der selten ohne einen Dritten gerecht zu werden ist. „Dritte statt Tritte“ lautet dann die Devise. Es braucht jetzt moderierende Unterstützung, Klärungsgespräche oder auch professionelle Vermittlungsverfahren, um den Tunnelblick ablegen und aus der Spirale aussteigen zu können.

 

Wer nicht genug hat von meiner schriftstellerischen Darbietung über die Auswüchse von kleinen bis hin zu riesengroßen Streitigkeiten schaut sich den Film „Rosenkrieg“ mit Michael Douglas und Kathleen Turner von 1989 an; eine beispiellose Inszenierung der Eskalationsspirale. Vielleicht etwas überzeichnet könnte man sagen, allerdings mindestens im übertragenen Sinne Realität.

Ich helfe Menschen in anspruchsvollen zwischenmenschlichen Situationen, die richtigen Worte zu finden, um so mit sich selbst und dem anderen ins Reine zu kommen.

Anton Hofmann

Konfliktcoach, Miteinander im Reinen