Über Spieler und Rollen, die im Konflikt eine Rolle spielen…

 

Fallbeispiel: Eine junge Frau und Mutter zweier Kinder arbeitet im Möbelhaus ihres Schwiegervaters als Innenarchitektin. Ebenfalls im Geschäft ist ihr Ehemann, der die Nachfolge seines Vaters anstrebt. Die junge Frau ist für die Beratung und den Service zuständig, eine Aufgabe, die vorher viele Jahre ihre Schwiegermutter verantwortet hat. Der Bruder ihres Ehemanns ist an der Firma als stiller Gesellschafter beteiligt und betreibt hauptberuflich mit seiner Frau eine Steuerberatungskanzlei. Zwischen der Schwiegermutter und der jungen Frau bestehen seit Beginn der Zusammenarbeit im Geschäft Spannungen, die zunächst unterschwellig vorliegen. Seit einer Weile sind sie auch für das Umfeld deutlich spürbar. Bei einem privaten Familienessen eskaliert der Unmut in einer Auseinandersetzung, in der die Schwiegermutter der jungen Frau Egoismus und die Ausbeutung ihres Sohnes vorwirft. Sie solle sich mehr ihrer Familie zuwenden und berufliche Selbstverwirklichung hintenanstellen.

Streitender Spieler

Zwischen welchen Personen der Konflikt besteht, liegt auf der Hand: die junge Frau und die Schwiegermutter sind hier die Konfliktparteien. Und was die Streitenden von den Nicht-Streitenden unterscheidet ist die Einnahme folgender psychologischer Rollen:

Motor des Konflikts ist das Rollenspiel zwischen Opfer und Täter. Im Fallbeispiel versteht sich zunächst die junge Frau als Opfer des Angriffs der Schwiegermutter. Sie reagiert darauf entweder durch einen Gegenangriff und Rechtfertigung oder indem sie sich zurückzieht, die Schwiegermutter innerlich ablehnt und nach Möglichkeit jeden nicht zwingend erforderlichen Kontakt meidet. Ob aktiv oder passiv: Beide Verhaltensweisen sind grundsätzlich auch aus der Sicht der des Opfers selbst verwerflich, werden aber mit der Ratio „aber der andere hat doch…“ legitimiert. Damit wird die junge Frau selbst zum Täter. Die Schwiegermutter ihrerseits erfährt sich wiederum auch als Opfer; erst grundsätzlich indem sie sich für ihren Sohn und ihre Familie etwas anderes wünschen würde und dann spezifisch durch die Reaktion der Schwiegertochter auf ihren Vorwurf. Die entstehende Konfliktspirale steht im Zentrum des Streits: beide Seiten sehen sich immer wieder als Opfer des anderen.

Da das Opfer-Sein Streitende immer wieder zum Täter macht, könnte man auch sagen, beide Seiten sind „Opfertäter“.

Und damit meist nicht genug. Denn aus der Spirale entsteht ein Sog, der auch umstehende potentiell zum Mitspieler werden lässt. Einen typischen Eintritt ins Streitgeschehen bietet die Rolle des Retters. Gut möglich und auch naheliegend, dass der Sohn der Schwiegermutter seine Frau in Schutz nimmt und „retten“ will. Er verteidigt sie vor seiner Mutter und unterstützt auch den Wunsch seiner Frau nach dem Vorfall möglichst keinem Kontakt ausgesetzt zu sein. Er solidarisiert sich mit der als Opfer erscheinenden Frau und versteht die Situation als Auftrag, bei dem er als „der Gute“ die Wogen glätten soll. Nehmen wir aber an, dass er zu einem späteren Zeitpunkt der Unterstützung überdrüssig wird und sich wieder mehr gemeinsame Zeit mit seiner Familie wünscht. Dann nämlich läuft er selbst Gefahr Opfer der Umstände zu werden und spätestens dann auch Opfer seiner Frau – wenn diese auf seine neue Haltung mit Ablehnung reagiert.

Sobald das Gegenüber im eigenen Bewusstsein als Täter erscheint ist der Opferstandpunkt eingenommen und man selbst als Mitspieler auf der Matte.

Multipersonalität

Die Protagonisten eines Streits agieren aber nicht nur in psychologischen Rollen. Auch unterschiedliche soziale Rollen, die sie ihrem Umfeld gegenüber einnehmen, spielen eine entscheidende Rolle.

Im geschäftlichen Kontext sind die Rollen der Spieler organisational bedingt. Je nach Organisation nehmen Akteure die Rolle von Chef, Kollege, Vorgesetzter, Mitarbeiter ein. Ihr Denken und Handeln enthält oft mehrere Anteile zugleich, wobei bestimmten Bedürfnissen und Interessen auf bestimmte Anteile zurückzuführen sind. Im privaten Kontext stehen die Spieler in privat-familiärer Beziehung zueinander und sprechen und handeln aus entsprechenden Rollen: Vater, Ehemann, Bruder, Sohn, Freund und Großmutter, Mutter, Ehefrau, Schwester und so weiter.

Wirft die Schwiegermutter der jungen Frau Egoismus und die Ausbeutung ihres Sohnes vor, so spricht sie in erster Linie aus ihrer Rolle als Mutter und Großmutter. Ist sie zudem mit der Arbeit der jungen Frau im Geschäft nicht einverstanden, spricht sie als Ehefrau des Firmenlenkers und vielleicht als ehemalige Stelleninhaberin. Die junge Frau ihrerseits trägt in dem beschriebenen Spannungsfeld ebenfalls mehrere Rollen in sich: sie ist selbst Ehefrau, Mutter, Mitarbeiterin, Kollegin und vielleicht Vorgesetzte.

Welche soziale Rolle hinter den Aussagen und Taten eines Spielers steht, hilft den Beteiligten und auch den Umstehenden klarer zu sein über sich selbst und den anderen.

Umstehende Spieler

Wer dem Sog des Opferstandpunkts erfolgreich widersteht, aber trotzdem irgendwie etwas damit zu tun hat, ist „Umstehender“. In welchen Rollen man nicht direkt mitspielt und trotzdem nicht raus ist, wird von folgenden systemischen Platzhaltern beschrieben:

Jedes Spiel wird erst dann ein Spiel, wenn jemand die Leistung der Streithähne verfolgt und bestenfalls würdigt. Diese Aufgabe wird in der Regel von Zuschauern übernommen, die ihren Einfluss oft kaum bemerken. Mögen sie auch nicht einmal interessiert sein, so befriedigen sie im Innern jedoch ihr Gossip-Bedürfnis dadurch, dass sie ihre Beobachtungen mit anderen Zuschauern und sogar mit Nichtanwesenden teilen. Der Bruder könnte die Rolle des Zuschauers haben und sich dazu mit seiner Frau austauschen, die nicht einmal selbst dabei war. Zuschauer haben einen relevanteren Einfluss als man zunächst denken mag. Je mehr sogenannte „Bystander“ – besagt eine Theorie der Sozialpsychologie –, desto höher die Wahrscheinlichkeit der ungebremsten Eskalation.

Anstatt jedoch das Geschehen als bloßer Beobachter und nachträglicher Kommentator zu verfolgen, sei Zuschauern empfohlen, alle Energie nur darauf zu setzen, den direkt Verantwortlichen zu involvieren.

Direkt verantwortlich ist, wer bemächtigt für die Beendung einen Konflikts ist – kein anderer. Es ist diejenige Stelle, die schlicht weg die Macht dazu hat. Lyrisch gesprochen wird diese Rolle dem Dirigenten des Systems zuteil. In seinem System ist auch er derjenige, der den Konflikt durch die vorgegebenen Rahmenbedingungen in Gang setzt. Im vorliegenden Fall fällt das Visier schnell auf den Vater und Lenker der Firma, da er – jedenfalls bezogen auf das System der Firma – das Zepter in der Hand hält. Nicht nur das betriebliche System ist hier aber von Bedeutung, sondern auch mehrere familiäre Systeme; das familiäre System der Unternehmerfamilie, das der neu gegründeten Familie des Sohnes und im Hintergrund auch das der Ursprungsfamilie der jungen Frau.

Wenn Systeme aneinanderstoßen und ein eindeutiger Dirigent nicht auszumachen ist, kann ein Konflikt nur von den Streitenden gelöst werden, da eine dritte Instanz fehlt. Der Nachteil: Nur die Streitenden selbst können es lösen. Der Vorteil: Nur die Streitenden selbst können es lösen. Eine Lösung ist so nämlich beständiger, wenngleich auch viel anspruchsvoller.

„Wer ist wer, und wenn ja, wie viele“ soll zeigen, wer die Streitenden sind und welche Gesichter sie in sich tragen. Die vorgestellten Unterscheidungen lösen die Situation der jungen Frau und ihre berufliche-familiäre Verstrickung in der Familie ihres Mannes zwar nicht. Ihre Situation ist aber anhand des Rollenverständnisses über alle beteiligten Spieler nicht mehr so „kompliziert“, wenngleich vielleicht noch „komplex“; eine Lösung daher vielleicht nicht mehr all zu „schwer“, wenngleich immer noch „schwierig“.

Ich helfe Menschen in anspruchsvollen zwischenmenschlichen Situationen, die richtigen Worte zu finden, um so mit sich selbst und dem anderen ins Reine zu kommen.

Anton Hofmann

Konfliktcoach, Miteinander im Reinen