Wie man einen Streit hinter sich lässt und warum es dazu eine neue Absicht braucht.

 

Will Smith kennt wohl jeder. Nicht jeder kennt seine Social Media Kurzvideos, in welchen er sich als Mentor in tiefgründigen Themen wie der Liebe und dem Sinn des Lebens versucht. Darin macht er, wie ich finde, eine mindestens genauso gute Figur wie in seinen Schauspielrollen. In einem seiner Beiträge wirbt er in sehr wenigen aber umso klareren Sätzen anstelle von Schuld (fault) für den Standpunkt der Verantwortung (responsability), die jeder Menschen ausschließlich selbst für sein eigenes Lebensglück trage. (https://www.youtube.com/watch?v=USsqkd-E9ag). Es gibt kaum eine bessere Unterscheidung der beiden Geisteshaltungen, die ich als den „Töpfer“ und den „Schöpfer“ schon einmal in meinem gleichnamigen Blogartikel beschrieben habe. Doch mit welchen einfachen Schritten man aus dem Täter-Opfer Teufelskreis aussteigen kann, habe ich noch nicht beschrieben. Dies werde ich aber jetzt tun.

Schritt 1 – Vergeben

Der erste Schritt ist immer zu Vergeben. Vergeben ist ein innerer Willensakt zum Ausstieg aus der Opferrolle, indem man die Person des Täters von der Tat trennt und diese wieder als ganzen Menschen sieht.

Vergeben ist immer möglich! … auch bei den schlimmsten vorstellbaren oder tatsächlichen Vergehen.

Natascha Kampusch beispielsweise, die viele Kindheits- und Jungendjahre ihres Lebens lang in einem kleinen Versteck eingesperrt war und missbraucht wurde, ist bekannt für ihre Aussage, dass sie Ihrem Peiniger in jedem einzelnen Moment seiner Tat vergeben hatte. Vergeben ist nicht nur immer unabhängig von der Gräueltat möglich, sondern auch unabhängig davon ob der Täter an dem Akt der Vergebung beteiligt ist. Wenn der Täter eine Form der Einsicht beibringt, spricht man eher von „Verzeihen“ als von Vergeben. Mehr darüber was mit Vergeben gar nicht gemeint ist aber oft als solches (miss)verstanden wird, habe ich hier genauer beschrieben: Die Kunst des Vergebens –> was mit Vergeben gar nicht erst gemeint ist.

Schritt 2 – Zugeben

Nach dem Vergeben folgt das Zugeben. Zugeben meint das Anerkennen der eigenen Anteile als Täter und die ausdrückliche Bekundung gegenüber der anderen Seite, die damit verletzt wurde. Vor allem konfliktscheuen Menschen fällt es manchmal schwer die eigenen Taten zu sehen, wobei auch passive Verhaltensmuster als Tat gelten, wie etwa alleine dem anderen aus dem Weg zu gehen oder gar ihn nur gedanklich abzulehnen.

Es gibt keine Opfererfahrung, in der man nicht gleichzeitig selbst auch Täter ist!

Der Schritt des Zugebens benennt die eignen aktiven oder passiven Taten und erkennt diese gegenüber der anderen Seite explizit an. Am wichtigsten für ein erfolgreiches Zugeben ist es keinerlei Begründung für die eigenen Tat zu formulieren. Jeder Hauch von Erklärung, warum man etwas getan oder unterlassen hat macht die Ursache bzw. die Schuld wieder im Außen fest und heizt die Konfliktspirale von neuem an. Verantwortung zu tragen heißt aber einzugestehen, dass man es immer selbst in der Hand hat. Andernfalls wären wir Lemminge, die permanent fremdgesteuert nur re-agieren, verbannt in die eigene Unmündigkeit. Eine sichere Anleitung fürs Zugeben, sprich dafür wie man sich richtig „entschuldigt“, liefere ich hier: „It takes two to tango, oder?“


Schritt 3 – Zustimmen

Nach dem Verlassen des Täter- und des Opferstandpunktes durch Vergeben und Zugeben braucht es einen letzten Schritt, hin zu einer Geisteshaltung, die vollständig ohne den Gedanken von Schuld auskommt. Die Voraussetzung für einen derartigen neuen Standpunkt ist, jeden Widerstand mit der gemachten Täter-Opfer-Erfahrung hinter sich zu lassen. Dazu muss dem Vergangenen zugestimmt werden.

Zustimmen bedeutet „aktiv Frieden schließen“ mit dem, was war!

Damit ist mehr gemeint als nur passiv zu akzeptieren, dass es so war, aber auch weniger als das Geschehene für gut zu befinden. Zustimmen ist wie auch Vergeben ein innerpsychischer Vorgang, der kein äußeres Dazutun braucht. Was es braucht, ist die innere Anerkennung, dass es ok war die Erfahrung gemacht zu haben; die innere Entlastung, dass man mit dem Täter-Opfer-Spiel nichts „falsch“ gemacht hat; und die Erkenntnis, dass dieses Spiel auch Vorteile hatte. Letzteres scheint mir der Schlüssel zu dem neuen Standpunkt zu sein. Auf die häufigsten Vorteile bin ich bereits an dieser Stelle genauer eingegangen: Die Kunst des Vergebens –> Die Vorteile des Nicht-Vergebens.

…und eine neue Absicht wählen

Mit dem Schritt des Zustimmens erlischt die bis dahin dominierende Absicht, in der man gehandelt hat. In der Konfliktspirale herrscht die Absicht „recht haben zu wollen“. Sie ist die tragende Energie, wenn es darum geht die eigene Weltsicht über alles andere zu stellen und diese Geltung aufs Bitterste zu verteidigen. Die Tunnelfrage „Recht haben oder Nicht Recht haben“, die einen in den schuldverhafteten Re-aktionsmodus zwingt, kann nur von der Wahl einer neuen Absicht aufgehoben werden. Verantwortungsvolle Absichten sind zum Beispiel: erfüllte Partnerschaft, Erlebnisreichtum, persönliche Verwirklichung bzw. Wiederherstellung, oder die Mutter aller Absichten, der Weltfrieden. Absichten liegen im Verborgenen und sind den Handelnden selten ganz bewusst. Sie stehen hinter den Taten und lassen sich meist nur am Ergebnis abzulesen. Wer viel und immer wieder um dieselben Dinge streitet, folgt wahrscheinlich stark der Absicht Rechthaben zu wollen, anstatt sich weiterentwickeln zu wollen, etwas gestalten zu wollen, etwas Neues zu kreieren, oder Weltfrieden anzustreben.

 

Es heißt „die Absicht sei die Seele der Tat“. Sie ist nicht direkt sichtbar, kann aber anhand des Sichtbaren zurückverfolgt werden. Einen Streit hinter sich zu lassen, loszulassen, und wieder nach vorne zu schauen erfolgt über die drei Schritte des Vergebens, Zugebens und Zustimmens. Doch ohne eine neue Absicht ist alles nichts. Die erst 2019 verstorbene Eva Korr, die in den Fängen des Nationalsozialismus schreckliche Menschenversuche zwar überlebt, jedoch dabei ihre Schwester verloren hat, sagte „Ich bin keine bemitleidenswerte Person, ich bin ein siegreicher Mensch, dem es gelungen ist, den Schmerz hinter sich zu lassen.“ Sie hat ihr Leben nach kaum vorstellbar grausamen Erlebnissen der Aufgabe verschrieben, sich durch Vorträge und in Begegnungen aller Art weltweit für Vergebung einzusetzen. Ihre Absicht war es einen Beitrag zur Befriedung von Menschen zu leisten, auch nichts geringeres als Weltfrieden also. Bleibt nur noch sich selbst zu fragen: Welcher Absicht folge eigentlich ich?

Ich helfe Menschen in anspruchsvollen zwischenmenschlichen Situationen, die richtigen Worte zu finden, um so mit sich selbst und dem anderen ins Reine zu kommen.

Anton Hofmann

Konfliktcoach, Miteinander im Reinen