Wieso Schuld zwischenmenschliche Konflikte unlösbar macht und welches andere Konzept viel besser für die Bewältigung geeignet ist.

 

Schuld ist aus unserem Alltag kaum wegzudenken und gleichzeitig bringt sie uns selten weiter. So geläufig etwa die Idee der Ent-schuld(ig)ung auch sein mag, so paradox erscheint gleichzeitig die Tatsache, dass eine Person, die sich einer gewissen Verfehlung schuldig gemacht haben soll, sich selbst ent-schuldigen könne. Obliegt es doch vielmehr der geschädigten Person, die andere Seite der Schuld zu entledigen. Also kann ja wohl höchstens ein Schuldeingeständnis gemeint sein, wenn eine Entschuldigung gefordert wird, beziehungsweise eine Bitte um Entschuldigung, wenn sich der Täter selbst reumütig zeigt. Es lohnt sich einen vor allem philosophischen Blick darauf zu werfen, was Schuld eigentlich ist, woher sie kommt und was sie bringen soll.

 

Schuld gibt es ohne Freiheit nicht. Ein Tisch kann nicht schuldig sein, denn Schuld braucht ein Subjekt, das in seinem Urteils- und Handlungsvermögen über Wahlmöglichkeiten verfügt.

Die freie Wahl bedingt automatisch eine Unterscheidungsmöglichkeit darüber, welche Entscheidung die richtige und gute ist. Es geht, auf unser Zusammenleben bezogen, um eine Frage der Moralität, wobei die vermeintlich schlechte bzw. böse Wahl mit Schuld besetzt ist.

Schuld übernimmt also vor einem soziologischen Hintergrund die Aufgabe, einem sogenannten Täter die Verletzung von gesellschaftlichen Normen zu attestieren und dadurch eine soziale Gemeinschaft aufrechtzuerhalten bzw. wiederherzustellen.

In Beziehungskonflikten tritt Schuld in Form von Vorwürfen innerhalb von Täter-Opfer Verflechtungen auf.

 

Die Schuld und der Töpfer

Es gibt eine natürliche Tendenz von Menschen eigene Schuld zu verdrängen und diese durch Fremdbeschuldigung und Selbstmitleid aufzuwiegen.

Der Ausgangsstandpunkt wird in der Konflikttheorie als Opferstandpunkt bezeichnet. Ihm verdankt ein Streit seine Energie. Dabei braucht es keine faktische Täterschaft der anderen Seite, sondern es reicht schon aus, wenn sich das Opfer im Unrecht „fühlt“. Von diesem Standpunkt aus wird die Gegenseite als Täter wahrgenommen und ihr die Schuld für die Verletzung zugeschrieben.

Aus unterschiedlichen Gründen ist es sehr verlockend, den Opferstandpunkt einzunehmen:

Dem Opfer-sein leitet der Betroffene die Rechtfertigung ab, „zurückzuschlagen“, d. h. er gesteht sich Verhaltensweisen zu, die er unter „normalen“ Umständen, also ohne die gefühlte Verletzung, selbst ablehnen würde. Diese Haltung wird durch Ausdrucksweisen wie „aber der andere hat doch…“ ausgedrückt. Zum Zurückschlagen zählen übrigens nicht nur direkte Angriffe wie ausgesprochene Vorwürfe und Beleidigungen sondern auch passive Verhaltensmuster wie Rückzug, Abbruch, Beendigung der Kommunikation, aus dem Weg gehen, Klagen. Auf all diese Wege wird das Opfer allerdings selbst zum Täter und damit ebenfalls „schuldig“. Der andere ist dann zusätzlich auch daran schuld, dass das Opfer selbst zum Täter werden „musste“.

Beide Seiten halten sich für das Opfer des anderen und das gegenseitige Bedürfnis Recht zu haben macht sie immer wieder zum Täter. So soll die andere Seite bestraft werden. Weil das Opfer-sein so eng verknüpft mit dem Täter-sein ist sind Streitende meist beides. Man könnte dafür einen neuen Begriff schaffen und sie als „Opf-ter“ bezeichnen, oder auch als „Töpfer“.

Infiziert vom gedanklichen Schuldkonstrukt schaffen Töpfer sogar zusätzliche Töpfer. Weil die Opferrolle in gewissen Grenzen sozialadäquat ist, zieht sie etwa auch sogenannte „Helfer“ oder „Retter“ auf den Plan. Dieser oft als „Der Gute“ inszenierte Akteur wertet allerdings in Wirklichkeit nicht nur den Täter, sondern auch das Opfer ab, da er seine Anteilnahme für notwendig hält, ohne die das Opfer „nicht überleben“ kann. Nicht selten entsteht daraus früher oder später eine zusätzliche Schuldbeziehung, wenn sich der Retter bezogen auf sein Helfer-Sein selbst als Opfer erfährt und die Schuld beim ursprünglichen Opfer sieht.

Grundsätzlich kann eine Konfliktspirale verlassen bzw. unterbrochen werden, indem das Opfer die eigene Täterschaft erkennt und zugibt. Dies jedoch wiederum im Lichte von Schuld zu tun kann nicht geraten werden. Die mit der Täterrolle identifizierte Schuld-Haltung, getragen von Selbstvorwürfen, kann schwer zu ertragende Schuldgefühle erzeugen, die den Täter dann wiederum zum Opfer werden lassen. Auf dem Gipfel der Selbstverurteilung – gerade wenn jede Möglichkeit der Wiedergutmachung fehlt – neigen Täter sogar dazu, sich selbst zu bestrafen, in dem sie beispielsweise auf vergnügliche Aktivitäten verzichten. Dieses Verhaltensmuster ist auch bekannt als sogenannter „Dobby-Effekt“ – in Anlehnung an den Hauselfen aus Harry Potter –, der bereits bei kleinsten Fehlern dazu neigt, sich ausgiebig selbst zu bestrafen.

 

Die Verantwortung und der Schöpfer

Allen Nachteilen des Schuldkonzepts voran steht die Vergangenheitsbezogenheit. Ihre Endgültigkeit und Absolutheit lassen dem Täter kaum eine direkte Möglichkeit, den Schaden des Opfers wieder gut zu machen.

Es braucht also ein anderes Konzept, das ebenfalls auf eine Normverletzung hinweist, allerdings einen zukunfts-gerichteten Fokus hat. Dafür eignet sich Verantwortung.

Anders als ein Schuldiger hat der Verantwortliche die Möglichkeit, den Schaden, der noch nicht vollständig entstanden ist, abzuwenden.

Dazu gehört erst mal, früheren eigenen oder fremden Handlungen, die aus aktueller Sicht fehlerhaft erscheinen, zuzustimmen. Zustimmen heißt nicht gutheißen, sondern nur anerkennen, dass das frühere Verhalten das zu der Zeit unter allen Gesichtspunkten Bestmögliche war. Wer die Absicht hat sich zu entwickeln, sollte dem Handeln in der Vergangenheit und damit auch den gemachten Erfahrungen zustimmen. Entscheidend für erfolgreiches Zustimmens ist dabei der Wert, der auf die Absicht gelegt wird. Provokant könnte man sagen, die Absicht der Entwicklung muss so groß sein, dass man es sich nicht mehr leisten kann, sich selbst oder dem anderen die Schuld für Fehler nachzutragen.

Uns Menschen erscheinen vergangene Entscheidungen und zurückliegendes Verhalten übrigens tendenziell falscher als sie wirklich waren: ein Phänomen, das auch als „Rückschaufehler“ bekannt ist. Demnach neigen wir dazu, einen aktuelleren Wissensstand in eine frühere Situation hineinzuprojizieren, der zu der Zeit allerdings noch nicht vorlag. Dies kommt auch durch die häufig gestellte paradoxe Frage zum Ausdruck, ob jemand einen gewissen Schritt seines Lebens nochmal gehen würde.

Verantwortung ermöglicht es den Beteiligten, sich weder als schuldiger Täter noch als leidendes Opfer zu erfahren und ihre Situation aktiv und neu zu gestalten. Von dem Standpunkt der Verantwortung wird den Akteuren einer Auseinandersetzung wieder schöpferische Macht verliehen. Sie werden vom Töpfer zum Schöpfer und betrachten ihren Konflikt als eine gestaltbare Aufgabe.

Die auf Verantwortlichkeiten gerichtete Betrachtungsweise scheint nur in einem Punkt gegenüber dem Konzept von Schuld unterlegen zu sein. In der isolierten Anwendung von Verantwortung fehlt die emotionale Erfahrung der Normverletzung, die eine wiedergutmachende Motivation auszulösen vermag. Eine Ersatz-emotion könnte Scham sein. Scham hat ohnehin den Status eines echten Gefühls, wohingegen Schuld vielmehr nur eine interpretativer Gedanke ist, der sich als ein Vorwurf ausdrückt und von unterschiedlichen Gefühlen begleitet wird.

 

Um sich aus Konflikten zu entwickeln sollte ohne Schuld-Begriffe ausgekommen werden. Anstelle von „Entschuldigung“ eignet es sich „Bedauern“ über das Geschehene auszudrücken. Anstatt sich zu „entschuldigen“, ist es versöhnlicher davon zu sprechen, dass es „leid tut“. Eine Anleitung, wie du dich ohne den Begriff der Schuld ent-schuldigst, kannst du hier nachlesen.

Ich biete Streitparteien Lösungen, um mit sich selbst und mit der anderen Seite ins Reine zu kommen.

Anton Hofmann

Mediator & Konfliktcoach, Miteinander im Reinen