Warum Menschen es lieben, sich und anderen Geschichten zu erzählen und wie diese Liebe bei der Konfliktanalyse hintenanstehen muss.

 

Der König stirbt. Dann stirbt die Königin. – Nochmal von vorne: Der König stirbt. Dann stirbt die Königin aus Trauer. Jetzt ist es eine Geschichte! „Geschichten sind Daten mit einer Seele.“ So beschreibt es die Amerikanerin Brené Brown in ihrem berühmten Vortrag, der mit 35 Millionen Views einer der zehn meistgesehenen TED Talks ist. Sie selbst ist Forscherin, arbeitet also in erster Linie mit Daten und macht diese dann zu Geschichten – so wie die meisten Wissenschaftler. Mediatoren machen das Gegenteil. Sie zerlegen Geschichten in Prosa auf der einen Seite und Zahlen, Daten, Fakten auf der anderen Seite. In diesem Artikel erkläre ich warum Fiktion den Menschen so wichtig ist, und wo die genaue sprachliche Grenze verläuft zwischen Fakt und Prosa.

 

Fiktion als Überlebensmechanismus des Menschen

 

„Geschichten sind das was passiert, wenn etwas dazwischenkommt.“ – Auf dieses Zitat des Philosophen Odo Marquard bezieht sich Richard David Precht in einem sehr interessanten Interview über Glück. In unserer auf Effizienz getrimmten Welt, in der wir Menschen unser Leben so gestalten, dass möglichst nichts dazwischenkommt, leiden wir unter immer größerer Erlebnisarmut. Das Bedürfnis, dass etwas dazwischen kommt haben wir in die Fiktion verlagert. Wir holen uns die Befriedigung in Form von sogenanntem „Binch-Watching“ nach Hause, also dem fast süchtigen Verzehr unzähliger Folgen einer Netflix-Serie. Die psychologische Pornografie der Fiktionswelten, die traditionell in Büchern, Filmen und Bühnenstücken bestand, und noch früher Teil des realen Lebens war, zeigt wie sehr wir Menschen ohne Geschichten nicht sein wollen.

Der israelische Historiker Yuval Noah Harari erklärt in seinem Buch 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert, wieso das Fiktionsbedürfnis uns Menschen so sehr auszeichnet. Es sei der Grund dafür, warum Menschen gegenüber Tieren überlegen seien. Ein einzelner Mensch beispielsweise sei einem einzelnen Affen gegenüber nicht überlegen; nur im Kollektiv gewinnen Menschen die Oberhand. Der Vorteil, der uns das ermöglicht, ist unsere Sprache. Durch sie leben wir in einer dualen Realität: einer objektiven, also greifbaren und sichtbaren Welt, die direkt vor uns liegt, und einer fiktionalen Welt, die in gedanklich Konstruiertem besteht und letztlich ausgedacht ist. Durch die sprachliche Kommunikation ist es uns möglich Ideen zu kreieren, welchen eine Vielzahl von Menschen folgt, um so ihren Vorteil zu suchen. Einhergehend ist unsere Sprache auch das Vehikel, um die Zugehörigkeit zu einer Gruppe herzustellen, deren Ideen wir Glauben schenken wollen. Möglich macht dies vor allem das Kulturen-übergreifende Phänomen des „Gossip“, also Tratsch. Durch ihn lassen sich Gefahren und Chancen erkennen. Alle Menschen lieben ihn. Gossip bietet Orientierung und Sicherheit; evolutionär gesprochen sichert er das Überleben.

 

Fiktion ist also ein Lebenselixier des Menschen. Und durch was genau wird denn aus nackten Fakten eine triftige Geschichte?

 

Kognitive Zutaten von Geschichten

 

Hinter dem Fiktionsbedürfnis steht das Design unseres Verstandes ständig Daten in einen Zusammenhang einzuordnen, sprich: zu interpretieren. Dadurch erst lässt die Realität sich sehen und verstehen. Indem wir verkürzen, verzerren und verdrehen, indem wir überzeichnen, übertreiben und überspitzen wird alles, was nicht passt, irgendwie passend gemacht und so die Wirklichkeit erfasst.

 

1 – Bewertung

Die häufigste Form einen Zusammenhang herzustellen ist die Bewertung. Damit wird reinen Fakten eine bestimmte Qualität zugesprochen. Dem zugrunde liegt der Vergleich. Er ist der Maßstab mit dem gemessen wird. Demnach wird etwas für gut oder schlecht (eine Frage der Moral) befunden, oder als richtig oder falsch (eine Frage des Rechts) ausgelegt. Wir bewerten alles! Nicht nur Dinge, die uns direkt betreffen, sondern fast noch lieber, was gar nichts mit uns zu tun hat. Alles läuft durch das eigene oder kollektive Raster der Subjektivität. Die Dinge des Lebens anhand einer inneren Landkarte zu bewerten ist nicht nur die häufigste Form der Interpretation, sondern auch die am schwierigsten kontrollierbare. Die permanente Voreingenommenheit lässt sich nur durch viel Bewusstheit und lange Übung aushebeln.

 

2 – Begründung

So gerne wir bewerten, so sehr lieben wir auch zu begründen. Der Durst des menschlichen Geistes nach Kausalität ist unerbittlich. Korrelationen zwischen unterschiedlichen Fakten herzustellen, scheint das Leben erträglicher zu machen. Unsaubere Schlussfolgerungen werden dabei schon mal in Kauf genommen für das Gefühl, dass man sich die Welt erklären und vielleicht auf jemanden schimpfen kann. Wie bedeutungsvoll Begründungen für das menschliche Gehirn sind, zeigen auch irrwitzige Untersuchungsergebnisse an der Supermarktkasse. Der Wunsch einer Person, an der Schlange vorbeigelassen zu werden, ohne einen Grund dafür zu nennen, führt weit aus seltener zum Erfolg als der Wunsch vorgelassen zu werden, und einen unsinnigen Grund dafür zu nennen (wie etwa weil man ein gelbes T-Shirt trage). Es gehört zur Realitätseinfärbung des Menschen Schlussfolgerungen zu treffen wo sie gar nicht vorliegen mögen.

 

3 – Bedeutung

Über die Zugabe von Qualitäten und Kausalitäten hinaus werden die interpretierten Fakten dann noch in einen höheren Bedeutungszusammenhang gestellt. Bei einer Geschichte ist diese Suche nach dem Sinn als die „Moral von der Geschichte“ bekannt. Über das Bewerten und Begründen hinaus sucht unser Geist eine Antwort auf die Frage, warum die Dinge so sind wie sie sind, wozu etwas passiert ist oder nicht passiert ist. Man könnte auch sagen: Die Bedeutungssuche ist die Interpretation von der Interpretation, so sehr nehmen wir die Zahlen, Daten und Fakten selektiv und individuell wahr. „Was hat das alles zu bedeuten?“ – fragt eine recht bewusste Stimme, sinnierend über das Erlebte sobald ein wenig Abstand besteht.

 

Das Faktische selbst kennt aber keine Zusammenhänge, und schon gar keinen Sinn. Es ist einfach nur. Was genau darf dann eigentlich übrig bleiben, wenn wir die fiktionalen Zutaten einer Geschichte ausblenden?

Die sprachliche Grenze zwischen Fakt und Prosa

 

Fakt ist nur das, was objektiv da ist, messbar, sichtbar, greifbar. Physikalisch gesprochen besteht es aus Massen und deren Bewegung innerhalb eines Raumes und einer Zeit. Diese Definition klingt abstrakt und sehr technisch, hilft aber ungemein, um die fiktiven Anteile einer Geschichte abzuwerfen.

Die Obergrenze des Faktischen: Was noch von einer Kamera gefilmt werden könnte ist das Faktische an einer Geschichte. Was nicht gefilmt werden kann ist die Prosa, die wir dazureimen.

Nehmen wir einen Auffahrunfall als Beispiel. „Ein Auto kollidiert mit einer Geschwindigkeit von 30 km/h mit der Rückseite eines an einer Ampel haltenden Busses.“ Soweit eine reine Faktenbeschreibung, die genauso auch eindeutig gefilmt werden kann. Dass der Fahrer des Autos aus Wut absichtlich kollidiert sei, wäre eine mögliche Interpretation, die eine Ursache für das Ereignis festlegen will (Begründung). Dass eine derartige Kollision verantwortungslos sei, wäre eine weitere Interpretation, die das Ereignis moralisch einstufen will (Bewertung). Die Schlussfolgerung, den Unfall zum Anlass zu nehmen, dem Fahrer den Führerschein zu entziehen wäre eine weiterführende Deutung, die dem Ereignis im Nachhinein einen Sinn verleihen will. (Bedeutung). Nichts von all dem kann von einer Kamera eindeutig gefilmt werden.

Soweit so gut in diesem plakativen Beispiel. Jedoch kommt der genauen Wortwahl bei der Beschreibung dessen, was eine Kamera filmen könnte, eine fast verhängnisvolle Bedeutung hinzu.

In einer Studie hat man Versuchspersonen einen Film eines solchen Auffahrunfalls gezeigt. Einer Teilgruppe wurde dann die Schätzfrage gestellt, mit welcher Geschwindigkeit das Auto auf den Bus „aufgefahren“ sei. Eine andere Gruppe wurde gefragt, wie schnell es auf den Bus „aufgebraust“ sei. Letztere hat signifikant höhere Geschwindigkeiten angegeben. Das zeigt wie Wortwahl ein und denselben Sachverhalt in unterschiedliches Licht rückt und die Wahrnehmung verändert.

Ein prominenter Begriff aus der politischen Debatte der hohen fiktiven Gehalt hat, ist z.B. „Flüchtlingswelle“. Das Wort ruft das bedrohliche Bild einer unaufhaltbaren Masse Wasser hervor. Doch faktisch gesprochen geht es nur um eine gewisse Anzahl an Menschen, die in einer bestimmten Zeit ihr Heimatland verlassen, um ein anderes Land aufsuchen.

Ein Großteil des ca. 75.000 Worte umfassenden deutschen Standardwortschatzes ist abstrakt und beschreibt keine Fakten sondern letztlich Fiktion. Und selbst einfachere Sprache bedient sich mit ihren Begriffen bereits streng genommen einer kleinen Dosis Fiktion. Einer Dosis, die ein gewisses Verständnis von der jeweiligen Masse oder Bewegung bedingt. Auch die Begriffe „Auto“, „Bus“, und „aufgefahren“ sind auf diese Weise gedankliche Konstrukte mit fiktivem Anteil. Weiter versachlicht könnte man nämlich bei dem Unfall auch auch von „einem großen und einem kleinen Objekt, jeweils bestehend aus mindestens vier Rädern und einem blechernen Körper mit Fenstern“ sprechen, „die der Gestalt miteinander in Berührung geraten sind, dass sich die Blechbestandteile verbogen haben und so weiter…“

Wie weit muss/darf das Versachlichen also gehen, um der Fiktion wirklich keinen Einhalt zu gebieten?

Die Untergrenze des Faktischen: Ein Bus ist nur solange kein Bus – weil nur die Summe zusammengeschraubter Teile aus Metall, Gummi und Glas – bis er auf dich zukommt!

Von uns Menschen konstruierte Begriffe, wie in diesem einfachen Beispiel Auto oder Bus, können allemal verwendet werden, um die faktische Realität zu beschreiben, und zwar weil ein einheitliches Verständnis über deren Bedeutung besteht. Sie sind ausreichend konkret, ohne schon zu fiktiv zu sein. Wir können sie als Untergrenze des Faktischen betrachten, da eine weitere Versachlichung unsere Lebensrealität verleugnen würde und damit dann nicht mehr gearbeitet werden könnte.

Die sprachliche Grenze zwischen Fakt und Prosa ist ein schmaler Grat zwischen konkreter und abstrakter Wortwahl. Fakt sind nur Massen und deren Bewegung in möglichst konkreter Sprache, nicht mehr und nicht weniger.

Story Telling wird zu Story Stripping. Wenn sich zwei streiten liegt in der Besinnung auf die nackten Fakten die Grundlage für eine Aufarbeitung. Die als absolute Wahrheit erscheinende und dennoch durch eigene Muster eingefärbte Geschichte bei Seite zu stellen und nur den reinen Inhalt zu sehen hilft besser zu verstehen – sich selbst und den anderen. Dazu braucht es schon fast einen Sprachkurs. Mediation liefert diese Sprache. Eine Sprache, welche die Prosa von den Fakten trennt und separat bearbeitet. Eine Sprache, die kaum ein Streitender selbst spricht, aber jeder versteht.

 

 

 

 

Ich biete Streitparteien Lösungen, um mit sich selbst und mit der anderen Seite ins Reine zu kommen.

Anton Hofmann

Mediator & Konfliktcoach, Miteinander im Reinen