Was echte Fürsorge ist und wie sich ein einziger Satz als oberflächliches „Fake“ entpuppt.

Letzte Woche war ich mit einer Freundin abendessen. Sie ist ein super Gesprächspartner, wenn es ums Menschsein geht, hat zu fast allem interessante Meinungen und scheut nicht, diese gegenüber Leuten jedes Standes zum Ausdruck zu bringen.

An dem Abend kamen wir irgendwie auf eine Situation zu sprechen, die sie kürzlich in einem gehobenen Haushalt erlebt hat. Der Gärtner des Anwesens hatte wohl mit einem sehr kritischen Krankheitsfall in seiner Familie zu kämpfen, worauf der Hausherr, ein Mann von gehörigem Rang und Namen, meiner Freundin in einem Smalltalk stolz berichtete, dass er sich schon um den Gärtner gekümmert hätte. Auf Nachfragen meiner Freundin meinte er damit seine eigenen Worte an den Gärtner: „Wenn Sie irgendwas brauchen, dann können sie immer zu mir kommen!“

Meine Tante und ich in Indien

In genau diesem Moment erinnerte ich mich an ein Gespräch, das ich mit meiner Tante führte, als sie mich vor Jahren in Delhi besuchte. Sie hatte Jahre zuvor ihren Mann, meinen Onkel, tragisch verloren. Das erste Mal sprachen wir offen darüber. Der Verlust allein war schon schmerzhaft, aber die Tatsache, dass sie mit ihrer Familie einen großen Bekanntenkreis hatte und sogar in der Öffentlichkeit stand, hatte es zusätzlich schwierig gemacht. In der Phase tiefer Trauer wurden ihr die Oberflächigkeiten der Gesellschaft so sichtbar und störend wie Essensflecken auf einem frischen weißen Hemd.

Ich werde nie vergessen, als meine Tante mir damals sagte: „Toni, sage bitte niemals zu jemandem, dem es wirklich schlecht geht: ,Wenn du irgendwas brauchst, dann kannst du dich immer bei mir melden‘.“ So richtig verstanden habe ich damals noch nicht, woher ihr Unmut rührte, aber diese Worte müssen sie an einem Punkt so sehr verärgert haben, dass sie mir dies damals mit dem Tenor einer Lebensweisheit aufs Brot schmierte.

Wenn Lorbeeren gar keine Lorbeeren sind, darf man sie stehlen

Und so klaute meine Freundin dem selbsternannten Gutmensch seine Lorbeeren, indem sie ihm erklärte, dass es eigentlich gar keine Lorbeeren waren. Wenn auch oberflächlich gut gemeint, so ist das Wort „Irgendwas“ von „Wenn Sie irgendwas brauchen, …“ nur ein Dummy für „Sie sind mir nicht wichtig und was sie brauchen, interessiert mich nicht wirklich“. „Irgendwas“, verkleidet als allumfassende Hilfe, ist eigentlich nur die kleine oberflächliche Schwester von echter Fürsorge. Wahre Fürsorge hingegen bedeutet, sofort herauszufinden was jemand braucht und sich darum zu kümmern, dass er es auch bekommt. Die Worte „Wenn Sie irgendetwas brauchen …“ brachten dem Gärtner gar nichts.

Wie sich der Kreis erst viel später schließt …

Und so habe ich meine Tante erst jetzt verstanden: Ob Tod, Unfall, Krankheit oder was auch immer uns Menschen die Schattenseite des Lebens vor Augen führt, diese Situationen erzwingen die Trennung der Spreu vom Weizen, was unsere menschlichen Beziehungen betrifft. Solche Momente verlangen eine ehrliche Entscheidung von uns, wie nahe wir stehen und wie verbunden wir sind. Fürsorge bedeutet dann, da zu sein und sofort herauszufinden, was der andere braucht. Fürsorge bedeutet, sich sofort einzusetzen, dass er es bekommt. Meine Freundin meint: Wirklicher Beistand für nur 15 Minuten setze 1000 gemeinsame Stunden voraus. Es sind nur wenige Menschen, zu denen wir eine solch intensive Verbindung haben, und zu ihnen würden uns die besagten Worte vermutlich auch nie in den Sinn kommen.

Ich biete Streitparteien Lösungen, um mit sich selbst und mit der anderen Seite ins Reine zu kommen.

Anton Hofmann

Mediator & Konfliktcoach, Miteinander im Reinen