Wie du dich von nahestehenden Menschen liebevoll abgrenzt.

 

 

Zu den eigenen Eltern haben wir meist eine außergewöhnliche Beziehung… Außergewöhnlich nah oder außergewöhnlich distanziert, selten irgendwo dazwischen. Und die Beziehung ist naturgemäß wirklich außergewöhnlich, denn von Vater und Mutter stammen wir je zur Hälfte ab. Wenn wir sie kritisieren, dann kritisieren wir damit automatisch auch uns selbst. Das gleiche gilt natürlich umgekehrt. Und wegen dieser Blutsverbundenheit lohnt es sich umso weniger, mit den eigenen Eltern auf Kriegsfuß zu stehen. In diesem Artikel zeige ich dir, wie du nicht aus Groll sondern aus Liebe Grenzen ziehst.

 

 

Die vorwiegende Geisteshaltung, wenn es Spannungen gibt, ist die des Vorwurfs. Sie erkennst du an Worten wie „sollte“, „müsste“, „hätte…“  usw..

 

Auf Eltern bezogen gibt es zunächst generelle Vorwürfe, die sehr weit zurückgehen:

„Meine Mutter hätte nicht so viel arbeiten und mehr zu Hause sein sollen.“
„Mein Vater hätte meine Mutter nicht verlassen sollen.“
„Meine Eltern hätten nicht so streng mit mir sein sollen“

Und dann sind da konkrete Vorwürfe auf die Gegenwart bezogen, weil Eltern sich aktuell anders verhalten, als wir es uns wünschen würden:

„Mein Vater sollte mich unterstützen.“
„Meine Mutter sollte nicht so viel trinken.“
„Meine Eltern sollten sich nicht in die Erziehung meiner Kinder einmischen.“

 

A- Raus aus dem Vorwurf

Vorwürfe basieren immer auf Bewertungen und Glaubenssätzen. Und Glaubenssätze sind niemals die Wahrheit sondern nur eine Wahl, die wir getroffen haben. Eine Wahl, darüber was wir gut bzw. schlecht, oder richtig bzw. falsch finden.

Dass Glaubenssätze immer eine Interpretation sind siehst du daran, dass es andere Menschen gibt, die ihren Eltern genau das Gegenteil von den obigen Beispielen vorwerfen.

Trotzdem ist der Sog der Glaubensätze so groß, dass wir ihm kaum entkommen. Was die Eltern tun oder getan haben ist in unseren Augen manchmal derartig falsch und unsere Ablehnung die einzig logische Antwort.

Die eigenen Eltern kritisieren zu müssen ist an sich nicht schön, und doch hat es gleichzeitig einen großen Gewinn für uns: Mit dem blöden Vater oder der schwierigen Mutter können wir alles mögliche vor uns selbst und vor anderen rechtfertigen, weil wir es ja so schwer mit ihnen haben.

Ergebnis ist dann, dass wir klagen und leiden und dadurch vor allem eines, nämlich die Konfrontation mit ihnen meiden. Denn diese fürchten wir. Doch genau sie ist das einzige, was uns wirklich weiterbringen kann.

 

Damit du die Konfrontation nicht mehr fürchten brauchst, gib die Vorwurfshaltung auf und nimm einen Standpunkt von Liebe ein.

 

B- Rein in die Liebe

Wenn du mit deinen Eltern Streit hast, mag auf der bewussten Ebene wie gesagt alles dafür sprechen, dass sie ihres Verhaltens schuldig geworden sind und es vielleicht sogar nicht gut mit dir meinen. Die Betonung liegt hier auf der „bewusste Ebene“. Das Problem ist, dass wir diese für das große Ganze halten. In Wahrheit aber ist sie nur ein Teil des Ganzen und viele Antworten auf unsere Fragen sind im Unbewussten zu finden.

Eine Öffnung für das Unbewusste im Verhältnis zu den Eltern erlangst du vielleicht wenn du dir vergegenwärtigst wie Eltern ihre Kinder nach der Geburt in Händen halten. Dann besteht kein Zweifel, dass sie es nicht gut mit ihnen meinen könnten. Das Gegenteil ist der Fall: Eltern lieben ihre Kinder und wünschen ihnen von Herzen alles Glück auf Erden. All ihr Tun dient dem Zweck ihr Kind glücklich zu sehen.

Was also, wenn deine Eltern mit allem was sie tun und je getan haben, immer eine positive Absicht für dich verfolgt haben?

Das mag in Anbetracht gewisser Geschehnisse und Erlebnisse, die du gemacht hast, vielleicht absurd klingen. Es wäre aber ein Ausdruck von Liebe ihnen das zuzugestehen.

Was du brauchst ist ein Standpunkt, von dem aus du ihre positive Absicht in ihrem negativen Verhalten findest.

Denn selbst wenn dein Vater oder deine Mutter sich vordergründig „falsch“ verhalten, machen sie dir etwas anderes möglich. Das kann alles mögliche sein. Vor allem aber ermöglichen sie dir wirklich erwachsen zu werden, indem du ihnen jetzt Grenzen aufzeigst. Auf die Gefahr hin vielleicht sogar ohne sie zurecht zu kommen, falls sie deine Grenzen überschreiten.

Sie lenken dich weg vom Klage-modus, hin in die Verantwortung.

Schließe Frieden mit deinen Eltern, indem du ihnen das Geschenk der Zustimmung zu all ihrem Tun machst und von diesem neuen Standpunkt aus deine Beziehung zu ihnen ohne Vorwürfe neu gestaltest.

Wenn du nach der positiven Absicht im bewussten und auch unbewussten Handeln deiner Eltern suchst, gibst du ihnen in der Sache nicht Recht, nur färbst du alles in ein anderes Licht.

 

Aus diesem Blickwinkel ist die Konfrontation keine so große Sache mehr.

 

C- Abgrenzen und einen neuen Weg einschlagen:

Ein Ausdruck von Liebe ist es, deinem Gegenüber auch Grenzen aufzuzeigen, anstatt dich auf den Opfer-Standpunkt zurückzuziehen, von dem aus dein Vater oder deine Mutter nicht die Rückmeldung bekommen, die offen und ehrlich wäre.

Dies kannst du tun, indem du folgende 4 Stufen kommunizierst:

1 – KorrekturIch möchte nicht, dass du … “

Beschreibe, womit du nicht einverstanden bist und bitte dein Gegenüber, sein Verhalten zu ändern. Diese Stufe ist wirklich sehr mächtig, weil allein daran schon vieles scheitert. Wir machen einfach den Mund nicht auf und lassen den anderen den Bösen sein. Eventuell kannst du diese Stufe sogar wiederholen bevor du mit der nächsten Stufe noch eine Spur mehr Rückgrat an den Tag legen kannst.

Beispiel: Du möchtest nicht, dass …deine Eltern dich vor deiner Frau kritisieren / dein Vater dir regelmäßig Vorwürfe macht / deine Mutter sich in die Erziehung deiner Kinder einmischt…

2 – Angebot„Ich biete dir an, dass …“

Erkläre, was du anbietest für den Fall, dass die andere Seite deine Grenzen achtet. Hier geht es darum auszudrücken, was du der anderen Seite wirklich gerne entgegenbringen möchtest. Bringe rüber, wie du dir die Verbindung konkret vorstellen kannst und was du zu geben bereit bist.

Beispiel: Du möchtest … mit deiner Familie gerne jeden zweiten Sonntag zum Mittagessen kommen / dich mit deinem Vater bei Spaziergängen über deine beruflichen Herausforderungen austauschen / deiner Mutter deine Kinder anvertrauen…

3 – Bedingung„Ich liebe dich (als meinen Vater/meine Mutter) und gleichzeitig möchte ich, dass …“

Benenne deinem Gegenüber, was für dich die zwingende Voraussetzung ist, um dein Angebot auszuführen. Die 5 Worte „Ich liebe dich und gleichzeitig…“ sind eine wunderbare Einleitung für das Stellen einer Bedingung, weil du dadurch automatisch von einem liebevollen Standpunkt aus sprichst. Inhaltlich gibst du dann das gleiche wieder, was du vorher auf Stufe 1 schon richtiggestellt hast, nur diesmal positiv formuliert. Also du sagst was du möchtest, nicht was du nicht möchtest.

4 – Konsequenz„Wenn du meinem Bedingung nicht erfüllst, dann … „

Zeige deine Konsequenzen auf, falls die andere Seite deine Bedingung nicht erfüllen sollte. Zu einem Angebot gehören nicht nur Bedingungen sondern auch Konsequenzen, wenn sie nicht erfüllt oder gebrochen werden. Das hat nichts mit einer Drohung zu tun, sondern ist einfach nur die Kehrseite einer Vereinbarung. Entscheidend ist, die Konsequenzen nicht nur zu setzen, sondern dann im Falle der Fälle auch zu ziehen.

Beispiel: Wenn diese Bedingung nicht erfüllt ist, dann … kann ich mir keinen regelmäßigen Kontakt zu euch vorstellen / werde ich dir nicht mehr von meinen beruflichen Themen erzählen / geben ich meine Kinder nicht mehr bei euch ab…

 

Falls du jetzt sagst, dass du diese Grenze nicht ziehen kannst, dann willst du es in Wirklichkeit nicht, weil dir die Vorteile schwierige Eltern zu haben noch lieber sind. Und das macht nichts. Vielleicht braucht es einfach noch Zeit…

 

Soweit meine Anleitung, um abgegrenzt und gleichzeitig verbunden mit oder ohne deine Eltern zu leben. Zeige deinem Gegenüber deine Grenzen auf damit es genau weiß, wo du stehst. Dazu ist es wichtig, dir über dein Angebot und über deine nicht-verhandelbaren Bedingungen klar zu werden und sie zu benennen. Und erst Konsequenzen machen Grenzen zu Grenzen. Handle aus Liebe und Verantwortung, nicht aus Schuld und Groll. Du kannst diese Form der Verbundenheit trotz Abgrenzung auch in vielen anderen Situationen und bezogen auf alle anderen Menschen in deinem Leben einsetzen. Ich wünsche dir viel Erfolg beim Anwenden.

 

Ich biete Streitparteien Lösungen, um mit sich selbst und mit der anderen Seite ins Reine zu kommen.

Anton Hofmann

Mediator & Konfliktcoach, Miteinander im Reinen