„Zum Streit gehören immer Zwei!“ Kaum eine Weisheit zählt so sehr zum Allgemeingut der Streitkultur wie dieser. Aber ist sie überhaupt wahr? Nicht immer, bin ich der Meinung! In diesem kurzen Artikel zeige ich dir warum. Aber Achtung! Du musst mitmachen…

 

Allzu oft wird die besagte Binsenweisheit, dass zu einem Streit immer zwei gehören würden, als Argument angeführt, um von sich auf die andere Seite abzulenken. In einer Auseinandersetzung sehen wir meist uns selbst als Opfer, fühlen uns im Unrecht und leiten daraus das Recht ab zurückzuschlagen, zu vergelten, auszugleichen. Der andere ist der Böse und wir die Guten.

 

Irgendwann muss einer von beiden der erste sein und seine Täterschaft zugeben!

 

Wir selbst aber beleidigen, führen vor, grenzen aus, greifen den anderen persönlich an. Es gibt viele Menschen, mich eingeschlossen, die sich ihrer eigenen Täterschaft oft nicht bewusst sind, gerade wenn sie zu den eher passiven Vergeltungsverhalten neigen, also zu Missachtung, Ignoranz, Rückzug, Schweigen. Und diese Reaktionen sind auf zwischenmenschlicher Ebene auch Verletzungen. Menschen spüren es, wenn wir ihnen eine kalte Schulter zeigen. Und so werden wir selbst zum Täter und die Eskalationsspirale bleibt in Gang.

 

Es ist vollkommen egal, worüber du mit jemandem gestritten hast und mit wem (deine Frau, dein Kind, deine Arbeitskollege, dein bester Freund oder dein Vater): Sei dir deiner Aktionen bewusst, mit denen du den anderen unausgesprochen abgelehnt oder aktiv angegriffen hast.

 

 

Hier meine Challenge für dich:

 

Denke jetzt an zwei Menschen, bei denen du auch Täter warst und vergiss für diese Übung, was der andere dir alles angetan haben mag. Es geht jetzt nur darum was du getan bzw. nicht getan hast.

 

Nach dem Lesen rufst du die erste der beiden Personen an und sagst Folgendes zu ihr:

1-Die Situation:

„Ich habe über unsere Auseinandersetzung nachgedacht und wollte dir nur kurz etwas sagen, das mir wichtig ist. Es dauert nicht lange und für dich ist es ganz einfach. Du musst gar nichts sagen und darfst einfach nur zuhören.

Erwähne den groben Zeitpunkt oder die Phase, in der ihr aneinandergeraten seid bzw. euch nicht einig wart. Gehe nicht ins Detail der Inhalte des Streits.

 

2-Deine Täterschaft:

„Ich habe dich angegriffen, dir vorgeworfen, dich verachtet, dich ignoriert…“

Was auch immer du getan hast um „zurückzuschlagen“, artikuliere es! Sage nicht, dass du es ungeschehen machen möchtest. Rechtfertige dich nicht! Deine Täterschaft war nicht falsch, es geht nur darum, dass es so war und dass du es zugibst.

 

3-Der Schaden:

„Möglicherweise hat dir mein Verhalten weh getan, hat dich enttäuscht, provoziert, verärgert, traurig gemacht, etc. ..“

Selbst Menschen mit einem angeblich noch so dicken Fell haben Gefühle, du wirst nicht falsch liegen. Im Zweifel zeigst du dadurch nur dein Feingefühl.

 

4-Dein Bedauern:

„Ich wollte dir nur sagen, dass mir das leid tut! …“

Verwende nicht das Wort „Entschuldigung“. Du hast keine Schuld. Du willst nicht behaupten, dass dein Handeln richtig oder falsch war, sondern nur, dass du dir dessen bewusst bist.

 

5-Deine Anerkennung:

„…und dass ich grundsätzlich an dir sehr schätze, dass…

Benenne irgendetwas das du an dem anderen anerkennst, (z.B. seine Direktheit, Genauigkeit, etc.) ganz egal was es ist, dir wird etwas einfallen.

 

1,2,3,4,5 – das war’s! Super!! …und wenn du es hinter dir hast, machst du das gleiche mit der zweiten Person, die dir eingefallen ist.

 

Wenn dir niemand einfällt, dann gibt es erst recht jemanden und wenn es jemand sein mag mit dem du gar nicht so viel zu tun hast! Denke nach!

 

Und nochmal:

 

Es geht dabei nur darum, deine Täterschaft dem anderen gegenüber anzuerkennen. Es geht nicht darum, der anderen Seite in irgendeiner Hinsicht Recht zu geben.

 

Und auch nicht darum, dich für das was du getan hast zu rechtfertigen. Jedes Rechtfertigen birgt die Gefahr einen Vorwurf zu enthalten und die Konfliktspirale wieder in Gang zu setzten.

 

Lass dich nicht auf inhaltliche Diskussionen ein. Bleib nur dabei dein Bedauern zum Ausdruck zu bringen. Wenn dein Gegenüber irgendeine weiterführende Äußerung zum Streit macht, fang sie mit den Worten ab:

„Natürlich betrifft das, was ich dir jetzt eben gesagt habe, nur einen Teil unseres Streits, aber es war mir jetzt einfach wichtig, das mal zuzugeben. Mehr wollte ich jetzt gar nicht dazu sagen.“

 

Gib es einfach zu und verlange nicht, dass dein Gegenüber irgendetwas tut.

 

Erwarte nichts.

 

Du wirst dich danach gut fühlen.

 

Mache diese Übung, egal was dir jetzt alles in den Kopf kommen mag, warum du es nicht tun kannst, willst etc. …warum es nicht der richtige Zeitpunkt ist etc… Nichts spricht dagegen, es sofort zu tun. Du vergibst dabei nichts.

 

Es gibt kaum eine ehrlichere Methode um dich deines Anteils reinzuwaschen und übrigens auch kaum eine effektivere Maßnahme um eine Konfliktspirale zu beenden. Auf Gewalt folgt Gegengewalt, das ist so in uns drin. Wir müssen es nur umkehren.

 

Und so übernehmen wir die Verantwortung für den Streit. So reißen wir ihn an uns. Zum Streiten gehören nur deshalb zwei, weil es einen Täter und ein Opfer geben muss. Deine Täterschaft zuzugeben hat aber nur etwas mit dir zu tun. Du hast das Ruder in der Hand um einen neuen Kurs einzuschlagen. So und jetzt los! Wenn dein Adrenalinpegel jetzt ansteigt ist das ein gutes Zeichen. Nimm dir vorher noch einen Zettel und einen Stift und notiere dir kurz deine 5 Punkte und greife dann zum Hörer, keine Ausreden!

Ich biete Streitparteien Lösungen, um mit sich selbst und mit der anderen Seite ins Reine zu kommen.

Anton Hofmann

Mediator & Konfliktcoach, Miteinander im Reinen