Mal ganz ehrlich: gibt es eine andere Tugend, die so sehr angepriesen und doch so wenig gelebt wird? Wie Vieles im Leben hat aber auch sie Grenzen. In diesem Artikel zeige ich worauf es bei Ehrlichkeit ankommt und warum sie schnell zum Gegenstand einer Scheindebatte wird.

Gleich zu Beginn mein konkretes Beispiel, um den Wert der Ehrlichkeit auf den Prüfstand zu stellen:

 

Eine dir nahestehende Person – es mag dein bester Freund, dein Bruder, dein Sohn oder auch das weibliche Pendant davon sein – führt eine Beziehung mit der du einfach nicht einverstanden bist! Du meinst es passt nicht zusammen, diese „schlechtere Hälfte“ habe keinen guten Einfluss auf ihn, etc..

Wie gehst du damit um? Mund aufmachen oder Klappe halten?

Mir begegnet diese Frage schon eine ganze Weile. Spätestens wenn geheiratet wird und damit eine große Lebensentscheidung ansteht, wissen manchmal die Unbeteiligten viel besser, was die Beteiligten brauchen, oder eben nicht. Das klingt etwas zynisch, und so ist es auch gemeint. Denn in dieser Frage finde selbst ich als bekennender Mutmacher zu mehr Ehrlichkeit, dass das „offene Wort“ Grenzen hat.

Schauen wir also mal genauer hin, welcher innere Dialog sich in einem solchen Fall oft abspielt:

 

Die ausgesprochene Wahrheit:

 

„Sie ist die Falsche für dich, da bin ich mir ganz sicher!“

Es wäre doch nur richtig, dem anderen mitzuteilen, was dir auffällt, warum du es kritisch sieht, ja, dass er wahrscheinlich auf dem falschen Weg ist. Schließlich bist du doch ein eng verbundener wichtiger Mensch in seinem Leben. Und so hast du sogar die Aufgabe ihn wachzurütteln bis er selbst erkennt, dass sie die Falsche ist. Allem voran willst du dir ersparen, dass irgendwann –nach Scheitern der Beziehung- der Vorwurf in der Luft liegt, du hättest nie etwas gesagt.

Ja, das mögen gute Gründe sein, die schnell dazu verleiten als Agent der Wahrheit aktiv zu werden, aber irgendwie scheint es nicht ganz so leicht zu sein.

Widmen wir uns der Alternative:

 

Der verdrängte Unmut:

 

„Vielleicht besser die Klappe halten und gute Miene zu bösem Spiel“

Besser nicht den Mund aufmachen, denkst du dir. Zu groß die Gefahr nicht richtig verstanden zu werden, dem anderen mit der Wahrheit weh zu tun, und als „Spielverderber“ dazustehen. Schließlich müsse der andere schon selbst erkennen welchem Irrtum er unterliegt.

Aber was tust du, wenn du aktiv nach deiner Meinung gefragt wirst? Spätestens dann entpuppt sich diese Strategie als ein Holzweg, an dessen Ende du wahrscheinlich nichtssagend antwortest: „Wichtig ist doch, dass du sie gut findest“. Auch kein besonders befriedigender Ausgang deines innerlichen Schlagabtausches.

Jetzt sind wir also in der Sackgasse, ehrlich ist nicht gut und unehrlich auch kein Weg!

Nicht selten führt dieses Dilemma zu einem fatalen dritten Weg:

 

Die kollektive Unehrlichkeit:

 

„Das bin ja nicht nur ich, die anderen halten sie auch alle für die Falsche“

Du findest andere, die deine Meinung teilen. Dein halber Freundeskreis redet hinter dem Rücken des Betroffenen über die Verfehlung seiner Beziehungsentscheidung. In solchen Fällen ist manchmal regelrecht ein Funkeln in den Augen der Leidensgenossen zu sehen, ein Funkeln darüber, Gleichgesinntheit gefunden zu haben und eben richtig zu liegen. Und so wird die besagte Partnerin noch mehr zum Feind, ihr vielleicht sogar niedere Absichten unterstellt. Aber vielleicht hat dieser Weg der Verbündung ja etwas Gutes: Vielleicht ja deshalb weil er einen der besorgten Besserwisser motiviert jetzt wirklich den Mund aufzumachen… irgendwann… und irgendwann ist nicht selten nie. Aus der Sicht des betroffenen Freundes ein Albtraum, wüsste er, dass hinter seinem Rücken alle darüber reden.

Also auch nicht gerade ein rühmlicher Weg mit der geglaubten Wahrheit umzugehen!

Zeit die Frage zustellen, ob die Frage hier überhaupt die richtige ist.

 

Die Schlüssel, um wahre Ehrlichkeit von Pseudoehrlichkeit zu unterscheiden, liegt in der Frage:

WORÜBER?

Wenn du an der Beziehung eines anderen etwas auszusetzen hast, dann versetzt du dich automatisch in seine Lage. Bewertest aber dabei mit deinen Augen. Und genau das ist das Problem. Empathie geht anders.

Wir alle haben Bedürfnisse, Sorgen, und Wünsche und wir alle gehen Kompromisse ein während wir durchs Leben navigieren. Wir treffen Entscheidungen nach Abwägung von Pro und Kontra, mal mehr, mal weniger bewusst.

Warum fangen wir in Sachen Ehrlichkeit also nicht bei uns selbst an? Und stimulieren darüber im besten Fall auch mehr Offenheit und Ehrlichkeit bei unserem Gegenüber?

 

Die einzig wahre Ehrlichkeit:

 

Wahre Ehrlichkeit hat mit dir selbst zu tun, mit dem Blick auf deine Beziehungen und Befindlichkeiten, nicht die von anderen dir noch so nahen Menschen.

Wenn du dich also zu mehr Ehrlichkeit aufgerufen fühlst aber merkst, dass du zu sehr für den anderen denkst, grenze das Thema ab indem du dich fragst:

„In wie weit hat die Beziehung, mit der du nicht einverstanden bist, wirkliche Auswirkungen auf dein Verhältnis zu der Person, die der nahe steht?“

Findest du etwas, kannst du darüber ehrlich sein, bestenfalls aber ohne zwingend den Zusammenhang zur Partnerin herzustellen. Findest du nichts auf diese Fragen und schiebst weiterhin Unmut in dir, dann frage dich Folgendes:

„Wie ehrlich bin ich allgemein zu meinen Mitmenschen über mein Leben, meine Sorgen, meine Wünsche etc…?“

„Was gestehe ich über mich selbst ein – auch wenn es mich verletzlich zeigen könnte?“

Je mehr du dich selbst auch ehrlich zeigst um so mehr säst du den Samen dafür, dass es dein Gegenüber auch tut. Nur so legst du den Grundstein für eine Gesprächsebene, um offen über Partnerschaft, Liebe, Lebensglück und Freundschaft reden zu können.

Und wenn deine Ehrlichkeit über DICH durch Ehrlichkeit des anderen über sich erwidert wird, dann höre einfach gut zu. Wie der andere die Dinge so sieht und warum, warum er macht was er macht, was ihm wichtig ist an seiner Partnerin und wie er all diese Fragen bewertet. Nur er hat sein Leben bis dahin erlebt und nur er hat den Blick für sein Ganzes.

Kein anderer, außer jeder Einzelne selbst, kennt alle seine Wünsche und Sehnsüchte und kann abwägen, wie er ihnen am Nächsten kommt. Kein anderer hat das ganze Bild. Man kann sich letztendlich nie ganz in die Lage eines anderen Menschen versetzen. Fragen der Ehrlichkeit helfen eine Grenze zu ziehen und den Fokus auf sich selbst zu richten. Nur Ehrlichkeit über sich selbst ist wahre Ehrlichkeit. Und nur diese Ehrlichkeit bringt die Wahrheit anderer an die Oberfläche. Nähe besteht darin, dem Leben des anderen zuzuhören und zuzusehen, voller Neugier und Interesse, aber letztendlich als Zaungast.

Ich biete Streitparteien Lösungen, um mit sich selbst und mit der anderen Seite ins Reine zu kommen.

Anton Hofmann

Mediator & Konfliktcoach, Miteinander im Reinen