Welche Missverständnisse vom Vergeben abhalten und warum die Vorteile des Nicht-Vergebens helfen, es doch zu tun.

 

Vergeben erscheint einem Verletzten selten attraktiv. Zu groß die Sorge, dadurch sich selbst ins Unrecht zu setzten und zu verbissen oft der feindselige Groll auf die andere Seite. Zunächst einmal ist es hilfreich, Vergeben klar abzugrenzen: was darunter zu verstehen ist und was nicht. Diese Grenze ziehe ich hier für dich. Ein zweiter Blick kann dann transparent machen, warum es sich bisher vielleicht trotzdem gelohnt hat nicht zu vergeben. Oftmals liegt der Nutzen des Nicht-Vergebens im Unbewussten. Ich werde dir in diesem Artikel vorstellen, welche Gewinne dahinterstehen. Sie sichtbar zu machen, kann eine neue Entscheidung möglich machen.

 

Bevor es losgeht, zunächst mal ein kleiner Disclaimer: Vergeben ist ein psychischer Reifungsschritt, der eine prinzipielle Offenheit und Bereitschaft voraussetzt. Wenn der Stachel noch zu tief sitzt, kann es sein, dass dein Verstand dem was ich hier schreibe nicht folgen will.

Zudem: Wie du in meinem letzten Artikel lesen konntest, sind in einem Konflikt meistens beide Seiten selbst Täter oder Opfer zugleich, auch wenn beides nicht direkt auf der Hand liegt. Je weniger dir eine Mitverantwortlichkeit bewusst ist, desto schwerer fällt es dir, auf die Idee der Vergebung zu kommen. Gleichzeitig ist dann deine mögliche Entwicklungschance umso größer.

Und eine letzte einleitende Leitplanke zum Lesen des Artikels: Es gibt eine wichtige Unterscheidung in Sachen Vergeben. Mit Vergeben im eigentlichen Sinne ist gemeint, dass dir jemand schuldhaft materielles, emotionales oder sogar körperliches Leid zugefügt hat. Die Betonung liegt auf schuldhaft, also absichtlich. Bei subtilen Verletzungen kann man sich aber nicht immer sicher sein, wie absichtsvoll der andere wirklich gehandelt hat. Weil wir die Dinge durch unsere Augen quasi gefärbt wahrnehmen, hören/sehen wir vielleicht eine Verletzung, wo der andere wenig oder sogar nichts dafür kann. Um das eine vom anderen zu trennen braucht es Ehrlichkeit dir selbst gegenüber und bestenfalls eine geerdete Person zum Spiegeln deiner Sichtweise.

 

Was mit Vergeben gar nicht erst gemeint ist:

 

Vergeben ≠ Vergessen!

„Ich kann die Sache einfach nicht vergessen“ – Das musst du auch gar nicht. Es ist keinesfalls das Ziel, die Sache links liegen zu lassen und zu leugnen, wie schlimm die auslösende Situation für dich war. Der verbundene Schmerz soll nicht kleingeredet werden. Im Gegenteil. Vergeben bedeutet, den emotionalen oder faktischen Schaden freizulegen und vollständig anzuerkennen.

Vergeben ≠ Recht geben!

Schnell entsteht beim Gedanken zu vergeben die Sorge, der anderen Seite Recht zu geben und damit vielleicht sogar die Erlaubnis der Wiederholung. Du kannst und solltest aber natürlich an deinen Werten festhalten und kannst die Tat an sich weiterhin ablehnen. Vergeben bedeutet die Tat von der Person zu trennen, und diese wieder als ganzen Menschen zu sehen.

Vergeben ≠ Verzichten!

Eine Person nicht mehr auf die Tat zu reduzieren ist nicht unbedingt gleichbedeutend damit, auf sachliche bzw. juristische Ansprüche zu verzichten. Ähnlich wie beim Recht-geben verknüpft dein mental-emotionales Bewusstsein hier unnötigerweise die zwei Sphären Sache und Person. Trotz Vergeben kann wohl auf einer anderen Ebene ein Ausgleich gefordert werden.

Vergeben ≠ Drüberstehen!

Weit verbreitet ist die Redensart „Der Klügere gibt nach“ ganz im Sinne von „der andere könne ja nichts dafür, dass er so blöd ist“. Schon in der Bibel ist mit den Worten „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ diese Geisteshaltung zu finden. Sich dem anderen gegenüber moralisch überlegen zu fühlen drückt jedoch auch kein heilsames Vergeben aus. Der Täterbezug bleibt und macht dich selbst zum Täter, beispielsweise weil du deinem Gegenüber kein ausreichendes Feedback für sein Verhalten gibst.

Vergeben ≠ Verzeihen!

Mit vergeben ist auch nicht gemeint, dass die andere Seite eine Einsicht bzw. Bedauern zeigt. Das wird eher als „Verzeihen“ bezeichnet. Zu vergeben ist ein einseitiger psychischer Vorgang, den du völlig eigenmächtig gehen kannst, ganz egal ob der Andere es bedauert. Du kannst vergeben, ohne dass der andere davon erfährt.

Vergeben ≠ Versöhnen!

Die Auffassung, dass nach dem Vergeben „alles wieder so wie früher“ sein müsste, ist eines der schwerwiegendsten Missverständnisse. Die Beziehung zum Verletzter nach dem Vergeben neu zu definieren, ist ein eigenständiger Schritt. Ergebnis kann eine Versöhnung, genauso aber auch die Beendigung der Beziehung, sein.

 

Vergeben bedeutet:

 

Vielleicht hast du nach der Auflistung von all dem, was Vergeben eben nicht ist, bereits ein besseres Bild davon bekommen, was es ist.

Vergeben ist ein freier und einseitiger Willensakt, der– ganz gleich wie groß die Wunden der Verletzung sein mögen – grundsätzlich immer möglich ist. Vergeben ist eine innere Entscheidung für die eigene Freiheit. Das Lösen aus den Verstrickungen mit den reduzierenden Rollen von Täter und Opfer. Das endgültige Abschließen eines Geschehens. Vergeben ermöglicht, den Täter wieder als ganzen Menschen zu sehen und somit sich zu erlauben, auch andere Menschen wieder ohne voreingenommene Muster im Kopf zu sehen.

Aber natürlich gerät unser Verstand bei heftigen Taten an Grenzen. Ich empfehle, die dann schwindende Vorstellungskraft durch den Glauben zu ersetzen, dass wir Menschen eben keine Maschinen sind, die nur dazu programmiert sind, den anderen bis in alle Ewigkeit zu verdammen. Einer der bekanntesten Belege dafür ist die Geschichte von Natascha Kampusch, die nach eigener Aussage ihrem Peiniger in jedem Moment seines Missbrauchs vergeben hat.

Doch der Opferstandpunkt, von dem aus Vergeben durchaus als ein Ding der Unmöglichkeit erscheinen kann, hat einen unglaublichen Sog. Wenn du bisher nicht vergeben hast, hast du nichts falsch gemacht. Innerhalb deines Systems war dein Denken, Fühlen und Handeln sogar vernünftig. Vernünftig deswegen, weil damit gewisse Vorteile verknüpft sind. Nicht zu vergeben und am Groll auf den anderen festzuhalten trägt nämlich oft mehrere psychischen Nutzen, die dir vielleicht gar nicht bewusst sind. Sich diese zu vergegenwärtigen kann ein wichtiger Schritt sein, um die eigene Position besser zu verstehen und ggfs. zu verändern.

 

Mögliche Vorteile des Nicht-Vergebens:

 

Groll und Schuldzuweisungen sind Ersatzgefühle, die für dich primäre Gefühle wie Angst, Hilflosigkeit, Beschämung und Trauer überdecken bzw. mildern. Oft kommen diese bei körperlichen oder moralischen Verletzungen in einer unangenehmen Mischung vor. Groll selbst ist zwar auch kein schönes Gefühl, kann aber im Vergleich die gefühlte Situation emotional deutlich vereinfachen.

Die emotionale Verstrickung mit der Schuld des anderen lenkt vom eigenen Anteil am Geschehen ab. Vor allem in Konfliktsituationen gibt es selten Verletzungen ohne Mitverantwortlichkeit der anderen Seite. Einseitigen Schuldvorwürfen sind ideal geeignet, die schwierige Konfrontation mit der gesamten Situation zu umgehen.

Ein weiterer und sehr grundsätzlicher Gewinn am Standpunkt des Opfers festzuhalten ist die Aufmerksamkeitsbindung des Umfeldes. Diese Aufmerksamkeit drückt sich darin aus, dass Außenstehende und auch beteiligte Personen der Rollendefinition des Opfers folgen und diesem helfen wollen. Um diesen Schutz nicht zu verlieren kann es sinnvoller sein, nicht zu vergeben.

Nicht zu vergeben wird oft auch als Chance gesehen Rache oder Bestrafung zu üben, um sich ansatzweise einem gerechten Ausgleich anzunähern. Regelmäßiges Schimpfen und Beschuldigen erzeugt zumindest das Gefühl ein Stückchen Gerechtigkeit wiederherzustellen.

Sich moralisch überlegen zu fühlen, kann ein narzisstischer Gewinn davon sein, nicht zu vergeben. Diese unbewusste Selbstaufwertung durch die Verfehlung(en) der anderen Seite hat aber – wie schon erwähnt – eine Kehrseite. Da du durch diese Haltung den Verletzter tendenziell nicht ausreichend stoppst und zu schnell entschuldigst, machst du dich selbst zum Täter.

Zuletzt kann die heftige Abgrenzung von einer anderen Person auch zum Lebensmuster werden und die eigene Identität schärfen. Die permanente Ablehnung des anderen sowie weiterer Menschen, die in ein entsprechendes Raster passen, gibt dir dann ein Gefühl von Orientierung, von Selbstbestätigung und dadurch auch von dem wonach wir alle suchen: Sinn.

 

Wie du siehst: Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, weshalb es durchaus sinnvoll sein mag, nicht zu Vergeben und an Groll, Ablehnung und Schuldzuweisungen festzuhalten. Dem gegenüber steht in erster Linie „nur“ der eine Nutzen, den Vergeben ermöglicht: nämlich das Vorgefallene endgültig abzuschließen, um befreit von der Verletzung wieder offen durchs Leben zu gehen. Eine andere Person nicht mehr auf ihre Tat zu reduzieren ist also ein hehrer Anspruch, weil es die vielen ökonomischen Vorteile des Verstrickt-Seins nur gegen die persönliche Freiheit eintauscht. Diesen Wert zu erkennen und zu wählen, ist eine freie Entscheidung, die nur der Einzelne für sich treffen kann.

 

Ich biete Streitparteien Lösungen, um mit sich selbst und mit der anderen Seite ins Reine zu kommen.

Anton Hofmann

Mediator & Konfliktcoach, Miteinander im Reinen