Warum jeder Mensch in seiner eigenen Welt lebt und warum Konflikte hausgemacht und freiwillig sind.

 

Schwimmen zwei junge Fische entlang eines Bachs und begegnen einem älteren Fisch, der in die andere Richtung schwimmt. Als sie sich passieren fragt dieser: „Morgen Leute, wie ist das Wasser?“ Ein wenig später, als die beiden jungen Fische wieder unter sich sind, schaut der eine den anderen an und fragt: „Was zum Teufel ist Wasser?“

Die kleine Geschichte soll verdeutlichen, dass die offensichtlichsten und bedeutsamsten Wahrheiten oft jene sind, die am schwierigsten zu sehen sind. Wissenschaftliche Studien legen nahe, dass selbst der Seh-Sinn, der im täglichen Leben für den stärksten Sinn des Menschen gehalten wird, nur 5 % der Wirklichkeit um uns herum offenbart. Und das liegt vor allem daran, dass wir Menschen die Welt so sehen, wie wir sie sehen wollen oder anders gesagt: Wir sehen die Welt nicht so wie SIE IST, sondern so wie WIR SIND.

 

Die Überlebensfunktion unseres Gehirns

– wie wir die Welt sehen LERNEN.

 

Es sind Erlebnisse und Geschichten, die durch unsere Sinnesorgane aufgenommen ein Bild auf unserer Netzhaut erzeugen. Dies geschieht nicht ungefiltert, sondern unter der Obhut dessen, was uns Menschen auszeichnet: nämlich des menschlichen Verstandes.

Eine seiner wesentlichen Kapazitäten besteht in der Fähigkeit, Muster zu erkennen. Wir lernen ein Muster immer dann, wenn der smoothe Gang der Dinge unterbrochen wird. Also dann, wenn etwas passiert, was erst mal keinen Sinn macht und daher von unserem Geist eine Begründung erfordert. Beispielsweise dann, wenn wir uns als Kind das erste Mal die Finger verbrennen oder von unseren Eltern geschimpft werden.

Der evolutionäre Auftrag an diese Designfunktion unseres Gehirns ist kein geringerer als unser Überleben zu sichern. Denn wir erkennen nicht nur, sondern wir bewerten das Erkannte dann auch – und zwar danach, ob es für uns eine Gefahr darstellt oder nicht. Darin besteht der unschätzbare Vorteil dieser Gehirnleistung.

Die Erkennungs- und Bewertungsmaschine löst quasi in jedem Moment unseres Daseins für uns ein existentielles Problem. Ohne sie wären wir nicht in der Lage eine Straße entlangzulaufen, ohne von den vielen Sinneseindrücken überwältigt zu werden: denn wir haben gelernt, welche Objekte und welche Geschwindigkeiten gefährlich sein könnten. Für den Mehrwert dieser Rechenleistung überschreiben wir unsere anfängliche Tabula Rasa einer Netzhaut mit einem Unikat aus eigenen Erfahrungen und Schlussfolgerungen.

Etwas erkennen zu können erfordert aber die permanente und oft unbewusste Suche danach. Und so scannen wir alle Sinneswahrnehmungen in Bruchteilen eines Moments nach dem, was wir schon wissen, ab. Ist unser Bild unvollständig, erweist sich unser Verstand nochmal als dienlich. Er interpretiert den Rest dazu bis sich ein rundes Bild ergibt. Das Selektieren von Einem bedeutet das Ignorieren von etwas Anderem und an dieser Stelle geht uns bereits ein Teil der Wahrheit flöten. An dieser Stelle beginnt der große Teil der Wirklichkeit, den uns unser Verstand eben nicht unbedingt sehen lässt.

 

Der Verstand, ein mieser Verräter

– wie wir die Welt sehen MÜSSEN.

 

Einmal abgesehen von der reinen Überlebensfunktion kann diese Wahrnehmungslücke in anderen Lebensbereichen heikel bis fatal sein. In einer zivilisierten und hochentwickelten Welt ist das Überleben eh recht sicher und so ist die Rechenleistung unseres Verstandes frei für zusätzliche Aufgaben, für die er vielleicht nicht gedacht war. Aber gut, er ist eben da und seine Bewertungskompetenz verführerisch.

Also sehen, interpretieren und bewerten wir die Dinge des Lebens, andere Menschen und letzten Endes auch uns selbst. Ob etwas gut oder schlecht ist, richtig oder falsch, erfreulich oder enttäuschend das steht im Mittelpunkt unseres Denkens und Tuns. Unsere Haltung manifestiert sich in Meinungen, Vorbehalten, Urteilen bis hin zu tief verinnerlichten, unbewussten Glaubenssätzen.

Einer „blinde Gewissheit“ unterlegen wir, wenn wir die Interpretation so sehr verinnerlicht haben, dass wir sie als Wahrheit empfinden. Anders herum ausgedrückt handelt es sich um die maximale Ignoranz gegenüber dem, was wir eben nicht wahr zu nehmen bereit sind. Dann ist es als säßen wir im Gefängnis ohne zu wissen, dass wir im Gefängnis sitzen. Insbesondere was wir von uns selbst glauben bestimmt auf diese unumstößliche und unerbittliche Weise, wie wir die Welt sehen. Auch wenn es unzählige Ausprägungen gibt, seien hier vier sehr häufig auftretende Glaubensstandpunkte vorgestellt, die wie eine Grundeinstellung unser Selbst bestimmen:

 

Ich bin besser / anders / besonders

 

Auf diesem Standpunkt sehen wir andere tendenziell als unterlegen, unfähig und falsch. Die Welt erscheint uns kompetitiv, verbesserungsbedürftig; unser Leben als Auftrag zur Korrektur. Unser Grundgefühl ist geprägt von Ablehnung, Gleichgültigkeit und mangelnder Geduld.

 

Ich kriege nicht, was ich verdiene 

 

Von hier aus sehen wir andere als undankbar und mitunter ausbeutend. Die Welt erscheint uns als ungerecht, als schuldig uns gegenüber. Als Grundgefühle tragen wir Groll, Benachteiligung und Berechtigung in uns.

 

Ich bin der Gute / bin perfekt

 

Auf diesem Standpunkt erscheinen uns andere als bedrohlich, weil beurteilend. Die Welt sehen wir als gefährlich an, unser Leben erscheint uns als Auftritt auf einer Bühne. Unser Grundgemüt erleben wir als ängstlich, bedürftig und überfordert.

 

Ich bin schlechter / benachteiligt 

 

Auf diesem Standpunkt sehen wir andere als bevorteilt, privilegiert und gesegnet. Die Welt/das Leben erscheint uns als hart, schwierig, uninteressiert an uns. Begleitet wird die Position von Gefühlen der Hilflosigkeit, Eifersucht und Niedergeschlagenheit.

 

Immer haben wir derartige Maßstäbe im Gepäck. Sie kreieren unerbittlich die Energie für all unser Tun und Lassen. Sie sind die Quelle für psychologische Bedürfnisse, die immer wieder das Bestreben auslösen, etwas zu beweisen. Gelingt der Beweis, fühlt es sich gut an. Im umgekehrten Fall belgeiten negative Gefühle unser Scheitern. Ein mentalemotionales Hamsterrad hält uns mit den entsprechenden Gefühlen und Gedanken auf Kurs.

Doch der Haken ist: Der Verstand wird immer wieder einen neuen Weg finden einen Mangel in unsere Wahrnehmung zu konstruieren, einen Mangel der gefüllt werden will. Wir kehren also immer wieder zu unserer inneren Grundeinstellung zurück, ganz gleich, welche äußeren Umstände sich uns bieten. Das Muster ist so tief auf unserer Festplatte eingespeichert und durch den Filter unserer Wahrnehmungsgabe werden wir es wiederentdecken, zur Not mittels kreativer Interpretation. Unersättlich sorgt der Verstand dafür Recht zu bekommen, was er tief im Inneren glaubt, nicht aber, uns die Wahrheit zu zeigen.

 

Die Freiwilligkeit des Sozialkonflikts

– wie wir die Welt sehen KÖNNEN.

 

Dass er Recht behält, ist das Wichtigste. Denn: Darauf basieren die Geschichten, die wir uns erzählen, um zu rechtfertigen, wenn wir andere kritisieren, verändern wollen, verachten, ablehnen. Die Geburtsstunde des Sozialkonflikts.

Jeder Standpunkt aus einem Mangelbewusstsein heraus rechtfertigt uns, ja, entschuldigt uns darin wie wir leben, wie wir gegenüber anderen sind.

Jeder Standpunkt macht unsere Mitmenschen vor unserem Auge zu Objekten, die wie eine Wunscherfüllungsmaschine unserer Welt gerecht werden sollen.

Jeder Standpunkt produziert Vorwürfe, ausgesprochen oder unausgesprochen.

Jeder Standpunkt bewirkt Handlungen, aktiv oder passiv, die wir reinen Herzens nicht an den Tag legen würden:

-Ein besserwisserischer Sonderling belehrt andere oder sieht verachtend einfach weg. -Ein niedergeschlagener Außenseiter bemüht sich überschwänglich um die Gunst anderer oder sitzt eingeschnappt zu Hause und entzieht sich seiner Umwelt. „Abgekämpft zurück“ oder „Gedämpft zurück“ steht dann am Ende des Lebens auf seinem Grabstein.

Dadurch, wie wir die Welt sehen und was wir für richtig und falsch halten, befinden wir uns bereits im Konflikt ob wir ihn austragen oder mit uns selbst ausmachen. Es reicht, dass wir uns von anderen auf einer unserer Bewertungsskalen angesprochen fühlen, um uns mit ihnen in Konflikt zu fühlen. Dazu muss die andere Seite noch nicht mal direkt etwas davon mitbekommen. Manchmal sind die Menschen, die uns am meisten verärgern, jene, mit denen wir am wenigsten zu tun haben. Oft sind die sozial am stärksten zurückgezogenen Menschen jene, die mental am aktivsten mit anderen beschäftigt sind. Der Sozialkonflikt entfaltet seine Macht dadurch, dass ihm ganz ohne direkte Konfrontation auf der Inhaltsebene ein mental-emotionales Eigenleben genügt.

Dahinter verbirgt sich hochtrabend gesagt der Sinn des Lebens. Allem voran der Sinn darin, Recht zu bekommen, die Welt so anzugehen, damit das eigene Weltbild gewahrt bleibt. Gut und Böse sowie richtig und falsch sauber getrennt und aufgeräumt zu haben. In Konflikten steht dieser Sinn oft über der Lösung, sonst gäbe es weniger Grabenkämpfe. Der Sinn darin, den anderen zu ändern, herrscht über die zu nüchterne Idee der Konfliktlösung. Menschen sind lieber im Recht als im Glück.

Dabei übersehen wir, dass wir es uns selbst ausgesucht haben, und wie viel wir dabei ignorieren. Wie unfrei wir sind anders zu denken und zu sehen als es naheliegend wäre. Dass wir uns selbst ausgesucht haben so zu denken. Dass wir auch anders könnten. Das Gegenteil tatsächlich zu tun mag zwar unendlich schwierig sein, aber wenn wir keine Maschinen sondern Menschen sind, sollten wir so frei sein, es in Betracht zu ziehen.

Der Sozialkonflikt ist hausgemacht; wir selbst suchen ihn uns aus. Was hilft, ist zu hinterfragen, ob die Geschichte, die auf unserer Netzhaut landet, wirklich so ist, wie wir sie sehen und einstufen. Näher an die Wahrheit gelangen wir nur, indem wir rigoros trennen zwischen dem, was ist, und dem, was wir in unseren Köpfen daraus machen. Nachdem der Text mit einer etwas philosophischen Anekdote begonnen hat, soll er um diesen Punkt zu verdeutlichen auch mit einem philosophischen Bild enden:

„Der Verrat der Bilder“ – so heißt eines der berühmtesten Kunstwerke von René Magritte. Auf dem 1929 entstandenen Ölbild ist eine Pfeife abgebildet und darunter ist die Schrift zu lesen: „Das ist keine Pfeife“. Diese Provokation des Betrachters legt einen potentiellen Irrtum nahe: Könnte doch eine viel wahrere Aussage sein, dass es sich um eine Leinwand handelt, die mit Ölfarben durch eine Reihe von Pinselstriche durch einen Menschen entstanden ist. Alles Weitere ist letztendlich eine Interpretation, die schnell die Frage ins Feld wirft, welche innere Einstellung der Betrachter im Bezug auf Pfeifen in sich trägt.

Ich biete Streitparteien Lösungen, um mit sich selbst und mit der anderen Seite ins Reine zu kommen.

Anton Hofmann

Mediator & Konfliktcoach, Miteinander im Reinen