Was Werte sind und wie wir sie im Konflikt aus dem Weg räumen, ohne sie zu verwerfen 

 

Wie sehr müssen Werte im was-wäre-ideal-Diskurs herhalten und wie leicht werden sie dann in der Not der Praxis doch verworfen? Und wie leicht landet man im Konflikt durch die kaum angreifbare Heiligkeit von Werten unweigerlich in einer Sackgasse? – „Wir haben offensichtlich ganz unterschiedliche Werte, anders sind unsere Differenzen gar nicht zu erklären“ hört man sich dann sagen. Einen Konflikt auf die unantastbare Werteebene zu verschieben, ist – wenn auch diplomatisch geschickt – lösungsbezogen völlig unergiebig. In der sprachlichen Gestalt einfacher „Schlagwörter“ (wie Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, oder Gerechtigkeit) vermögen Werte wortwörtlich in erster Linie ins Gesicht zu schlagen. In diesem Artikel bediene ich mich auch der Methodik des Schlagens, allerdings des Schlagens einer Brücke. Einer Brücke zwischen Totschlag-Werteargument und Anpack-Lösungsdialektik.

 

Wie sich Werte in Glaubenssätzen manifestieren.

Im Unterschied zu psychologischen Bedürfnissen wie Sicherheit, Anerkennung oder Nähe, die alle Menschen teilen, mal mehr mal weniger, würdigt jeder Mensch ein sehr individuelles Bündel ausgewählter Werte. Werte ermöglichen moralische Bewertungen und Urteile darüber was richtig, wichtig und gut ist. Werte machen, wie der Name besagt, eine „Be-wert-ung“ erst möglich; eine Bewertung dessen, was durch die Brille des Beobachters zwangsläufig immer aus einem bestimmten Blickwinkel erfolgt. Dieser Blickwinkel wurde uns mitgegeben auf den Lebensweg, entweder ausdrücklich durch die Erziehung unserer Eltern oder durch die Erkenntnis aus Erlebnissen. All unser Denken und Handeln gründet auf der Sicht der Welt durch den Filter erlernten Werte.

Beispiele für Werte: Fürsorge, Ehrlichkeit, Verantwortung, Disziplin, Treue, Ordnung, Gesundheit, Zuverlässigkeit, Freundschaft, Treue, Toleranz, Selbstbestimmung…

Um Werte greifbar zu machen, müssen sie allerdings erst in die Handlungsebene übersetzt werden. Ein Wert braucht nämlich immer einen Zusammenhang, in dem er zum Ausdruck kommen kann. Um beispielsweise Fürsorge als Wert zu erfahren, braucht es irgendwann mal eine (wiederholt) schmerzliche Erfahrung fehlender Fürsorge. „Wert“-schätzung entsteht in dem Moment, in dem sich ein Glaubenssatz darüber bildet, wer nicht nach dem Wert handelt oder was der Mangel an dem Wert in bestimmten Situationen zur Folge hat. Die bloße Benennung eines Wertes offenbart wenig über die eigene Einstellung. Es gibt zu viele mögliche Gesichter, mit welchen ein- und derselbe Wert zu Tage tritt. Und nur diese Gesichter, also die mit Werten verknüpften Glaubenssätze sind das, womit im Konflikt gearbeitet werden kann. Glaubenssätze sind alle gedanklichen Überzeugungen über Werte, mit denen ein Mensch aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen programmiert ist.

Beispiele für Glaubenssätze: Chefs sind Ausbeuter, Eltern sind nicht ehrlich, Männer sind untreu, Geld verdirbt den Charakter, Patienten sind ungeduldig, Frauen sind sensibel…

 

Wie Glaubenssätze in unerbittliche Bedürfnisse münden.

Glaubenssätze herrschen über unsere Wahrnehmung. Ich will zeigen wie: Wenn ich glaube „Chefs seien Ausbeuter“ – nein sagen wir sogar „egoistische Ausbeuter“ – wie „bewerte“ ich mit diesem Glaubenssatz dann die folgende Situation?


Nehmen wir mal an ich habe einen Schreibtischjob, hatte gerade drei Wochen wunderschönen Strandurlaub und bin den ersten Tag wieder zurück in der Arbeit. Mein Chef kommt morgens in die Arbeit, nimmt mich zwar kurz wahr, weicht aber schnell mit dem Blick aus und verschwindet, ohne ein Wort zu sagen in seinem Büro. Was denke ich, wenn ich den Glaubenssatz verinnerlicht haben, dass Chefs egoistische Ausbeuter sind? Na, dann denke ich nur eines, nämlich: „Siehste!“. ..Siehste, die Realität serviert mir einen wunderbaren Beleg, dass ich mit meiner Überzeugung Recht habe.


Nun drehen wir die Situation mal auf der Inhaltsebene. Diesmal kommt der Chef nach meinem Urlaub direkt an meinen Arbeitsplatz und sagt mit sehr freundlicher Miene: „Willkommen zurück! Schön, dass Sie wieder da sind, sie haben uns gefehlt.“ Dann sagt er noch „Ich wünsche Ihnen heute einen guten Start“ und verschwindet in seinem Büro. Was denke ich jetzt, wohl gemerkt, wenn ich auch in diesem Fall fest daran glaube, dass Chefs Egoisten und Ausbeuter sind? Diesmal denke ich wahrscheinlich leicht verwundert: „Hm, da stimmt was nicht, bestimmt will er irgendwas von mir…“.


Wie man an dem zugegebenermaßen leicht überspitzen Beispiel sehen kann, färben wir den Inhalt immer ins Licht unserer Glaubenssätze und schaffen so unsere Wirklichkeit. Wir sehen die Welt also nicht so wie sie ist, sondern so wie wir sind.


Das Problem ist, dass wir immer wieder die gleichen Schwierigkeiten erleben, ganz gleich was auf der Inhaltsebene passiert. Nichts mehr kann es uns recht machen und unsere Bedürfnisse werden unerbittlich.
 

 

Wie unerbittliche Bedürfnisse nur einer neuen Einstellung weichen können. 

Doch eben diese Bedürfnisse sind gleichzeitig ein dankbares Signal, um sonst im Verborgenen wirkende Glaubenssätze zu Tage zu tragen. Immer dann, wenn es nie genug ist, steht womöglich eine Voreingenommenheit im Weg und nimmt unseren Blick für sich ein. Haben wir sie erst einmal erkannt, können wir sie auch verändern. Die Frage ist nur wie?


Denn meistens, wenn wir etwas ändern wollen, kommt ein verhängnisvoller menschlicher Reflex zum Einsatz: Wir probieren das genaue Gegenteil von dem, was wir vorher gemacht bzw. geglaubt haben. Aber das Gegenteil ist in Wirklichkeit nur mehr vom selben. Alles was einfach nur in sein Gegenteil verkehrt wird, bleibt unweigerlich verbunden; es ist dasselbe, nur eben anders. Und wenn es dann auch nicht klappt, ist es so, als sei man vom selben Pferd gefallen, nur von der anderen Seite.


Das Gegenteil des Glaubens, dass Chefs egoistische Ausbeuter seien etwa, könnte man so formulieren: „Chefs sind großzügige Samariter“. Doch fragen wir uns, ob das eine oder das andere auch stimmt, entpuppen sich beide Aussagen als falsch: Gibt es auch Chefs, die keine egoistischen Ausbeuter sind? Ja, die gibt es! Und gibt es auch Chefs, die keine großzügigen Samariter sind? Auch diese Frage muss mit ja beantwortet werden. Folglich ist beides nicht wahr, weder das eine noch sein Gegenteil. Das ist Dialektik. Wenn These und Antithese beide nicht funktionieren, braucht es eine Synthese. Es braucht ein anderes Pferd!

Das was hier nicht funktioniert ist die Einteilung von Chefs in Ausbeuter und Samariter, oder anders gesagt die Verknüpfung von Chefs mit dem Wert der Fürsorge. Für eine neue Sichtweise braucht es also eine neue Verknüpfung von Wert und Situation. Entscheidend ist, dass ein ganz neuer Glaubenssatz verinnerlicht und an den Tag gelegt wird, sprich auf ein anderes Pferd gesetzt wird als vorher. Nichts anderes meinte Albert Einstein als er sagte Probleme ließen sich nicht mit derselben Denkweise lösen, mit der sie auch entstanden sind. 


Mit Blick auf die Verantwortung, die Chefs tragen, wäre eine völlig andere Aussage: „Chefs sind mutige Häuptlinge“. Also die Verknüfung vom Chef-sein mit dem Wert „Mut“. Damit ist der Wert der Fürsorge nicht verworfen, sondern situationsbezogen ersetzt. Der neue Glaubenssatz teilt Chefs zwar auch wieder in zwei Gruppen, solche die wirklich mutige Häuptlinge sind und jene die es nicht sind. Durch diesen Filter erscheinen Chefs aber in einem veränderten Licht, und sehr wahrscheinlich in einem Licht, in dem die vorherigen Schwierigkeiten verschwinden.


Glaubenssätze sind die konkreten Gesichter abstrakter Werten. Sie zu erkennen und benennen ist die halbe Miete. Sie zu wandeln, der zweite große Schlag. Das allerdings erfordert mehr als nur das Gegenteil anzustreben, viel mehr. Das Gegenteil ist letztlich doch das gleiche. „Same, same but different“, um es mit dem von thailändischen Uhrenfälschungsmärkten stammenden Ausdruck zu sagen. Das Paradoxe am Konflikt: Jede Gegensätzlichkeit ist letztlich eine Gemeinsamkeit. Alles was in sein Gegenteil verkehrt wird, bleibt unweigerlich verbunden. Nur ein Glaubenssatz, der auf einen anderen Wert, sprich ein anderes Pferd 
setzt, ermöglicht wirklich etwas Neues.

 

Ich helfe Menschen in anspruchsvollen zwischenmenschlichen Situationen, die richtigen Worte zu finden, um so mit sich selbst und dem anderen ins Reine zu kommen.

Anton Hofmann

Konfliktcoach, Miteinander im Reinen