Weshalb es nicht unbedingt ein Psychologiestudium braucht, um zu verstehen, wie wir ticken.

Die Psyche des Menschen ist uns manchmal ein Mysterium. Dies macht sich vor allem bemerkbar, wenn wir uns aneinander reiben. Ein Konflikt entzündet sich in konkreten Situationen. Das heißt, eine Seite unternimmt, unterlässt oder beabsichtigt etwas und die andere Seite fühlt sich dadurch gestört. Es sind gewisse Positionen in Form von Forderungen oder Verweigerungen, die sich an der Oberfläche oft wie die Spitze eines Eisbergs zeigen.

Beispiel: Ich will, dass du jetzt endlich mal die Blumen gießt!

Doch eine Position kommt selten alleine und in Wahrheit sind es viele irgendwie verbundene Reibungsmomente, die dahinterstehen. Der Versuch, den ganzen Eisberg zu erfassen, erscheint uns dann schnell als Mission Impossible. Und wenn wir ehrlich sind, dann sind wir uns vielleicht selbst nicht ganz grün. Aber gleichzeitig ist da immer ein inneres Gefühl, dass es doch eigentlich ganz einfach sein müsste. In diesem Artikel stelle ich dir ein Menschenbild vor, das dir als Gerüst dienen soll, dich und den anderen besser zu verstehen.

Wie funktioniert der Mensch?

1. Der Mensch hat Gefühle.

Beispiel: Ich bin stinksauer!

Okay, es gibt auch Ausnahmen, aber grundsätzlich ist das so! Es gibt angenehme Gefühle (z. B. erleichtert, verliebt, entspannt, neugierig, zufrieden dankbar, motiviert) und unangenehmere Gefühle (z. B. genervt, wütend, langweilig, einsam, nervös, verzweifelt, verwirrt, verärgert, traurig). Wir sind so gepolt, dass wir ständig versuchen, die guten Gefühle zu maximieren, weil sie sich einfach besser anfühlen. Direkt damit verbunden ist unser Bestreben, die negativen Gefühle zu vermeiden. Wir handeln also nach Gefühlen, doch wo kommen sie her?

Es gibt eine einfache Ursache: Gefühle entstehen im Kontext von Bedürfnissen. Werden sie erfüllt, fühlt sich das gut an, wenn nicht, dann eher schlecht.

2. Der Mensch hat Bedürfnisse.

Beispiel: Unterstützung, Gemeinschaft

Neben existenziellen Bedürfnissen wie Nahrung, Schlaf, Erholung, Wärme und so weiter sind es vor allem Grundbedürfnisse nach Gerechtigkeit, Anerkennung, Freiheit, Kreativität, Fürsorge, Harmonie, Klarheit, Gemeinschaft, Ordnung – um nur ein paar Block Buster zu nennen, die vor allem im Zwischenmenschlichen ihre Erfüllung suchen. Die persönliche Geschichte jedes Menschen ergibt ein sehr individuelles Bedürfnisset, mit dem er durchs Leben geht. Einige Bedürfnisse wie z.B. Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit und Sicherheit sind dabei sehr populär. Andere wie etwa Erholung, Bewegung, Entwicklung oder Ordnung kommen etwas ausgewählter vor.

Doch Bedürfnisse sind auch nur „Begriffe“. Und unter Begriffen wird Unterschiedliches verstanden. Es kommt also darauf an, genauer zu beschreiben, was der Einzelne in einer konkreten Situation braucht, damit seine Bedürfnisse erfüllt sind.

3. Der Mensch interpretiert Bedürfnisse individuell. – Hier spielt die Musik!

Beispiel: Mir wäre wichtig, dass du einen kleinen Beitrag an der hauswirtschaftlichen Arbeit erbringst

An dieser Stelle wird es knifflig, denn dies ist die anspruchsvollste Dimension des hier vorgestellten Menschenbildes. Zugleich ist es die Ebene, auf der ein Großteil zwischenmenschlicher Reibungsverluste verhindert werden kann. Die simple und doch anspruchsvolle Frage lautet: Was genau ist dem Einzelnen in einer konkreten Situation wichtig, um seinen Bedürfnissen gerecht zu werden? Und zwar nicht an der Oberfläche in Form von „Ich will/will nicht, dass …”, sondern: Worum geht es hinter der Position, über die gestritten wird? Worauf genau will der eine hinaus und was genau stört den anderen?

Wenn du dir zum Beispiel in einer Verteilungsfrage Gerechtigkeit wünschst, musst du dir auch überlegen, nach welchem Maßstab es für dich gerecht ist. Nach der Bedürftigkeit, nach Leistung, nach Köpfen, oder soll vielleicht die Münze entscheiden? Die Antwort auf diese und ähnliche Fragen bringt im besten Fall eine möglichst zutreffende Beschreibung der Interessenlage mittels der Worte unserer Sprache. Diese Interessenslage für sich selbst genau zu benennen ist oftmals schon gar nicht so einfach. Es gilt, dich selbst zu hinterfragen, aber du kannst auch mit deinem Gegenüber proben. Wichtig ist es, gute Fragen zu stellen und gespannt zuzuhören. Wie das geht, werde ich dir in einem weiteren Blogartikel verraten.

Für den Moment lohnt es sich erst mal festzuhalten:

  • Jeder Mensch verfügt über ein einzigartiges Sammelsurium an Bedürfnissen.
  • Wir streben danach, unsere Bedürfnisse zu erfüllen, denn:
  • Befriedigte Bedürfnisse erzeugen gute Gefühle, unbefriedigte das Gegenteil.
  • In konkreten Situationen kommen die Bedürfnisse in Form von individuellen Interpretationen zum Tragen – diese sichtbar zu machen ist der Key.
  • Es gibt mehrere Möglichkeiten, eine Bedürfnisinterpretation zu erfüllen. Oftmals ist die in einer Auseinandersetzung bezogene Position nur eine von vielen.

Entscheidend ist:

Die festgestellten Bedürfnisse sind nicht verhandelbar, d. h. woher sie kommen und warum sie mehr oder weniger ausgeprägt sind, ist nicht die Frage. Und sie sollen auch nicht verändert werden. Sie sind einfach da und das ist auch gut so. Selbst unter dieser Restriktion lässt sich bei richtiger Anwendung des Modells zwischenmenschlich schon unglaublich viel erforschen und dadurch klären.

Die Annahme des Modells ist also, dass der Mensch grundsätzlich gesund ist. Sollte die Gesundheitsannahme nicht halten, weil Bedürfnisse zu extrem ausgebildet sind, reicht die Einfachheit dieser Anschauungsweise nicht aus. Dann braucht es tatsächlich das Handwerk von Psychologen, Ärzten und anderen Therapeuten, um weiter zu kommen.

Ich biete Streitparteien Lösungen, um mit sich selbst und mit der anderen Seite ins Reine zu kommen.

Anton Hofmann

Mediator & Konfliktcoach, Miteinander im Reinen