Warum ich mich in einem Unternehmen selbst abgeschafft habe, um mich in einer anderen Welt neu zu erschaffen.

Das Leben ist eine Aneinanderreihung von oft nicht klar definierbaren Abschnitten, manchmal länger, manchmal kürzer, mal sehr glücklich, mal weniger. Ich weiß nicht genau, wann der letzte große Abschnitt meines Lebens begann, aber ich weiß sehr genau, wann er zu Ende ging.

Erst mal ein Bilderbuch

Über viele Jahre wurde ich dem Bild des Musterknaben gerecht – zumindest beruflich. Nach Abi, Banklehre, internationalem BWL-Studium und einem kurzen Einblick in die Beraterwelt landete ich in einem mittelständischen Familienunternehmen. Anscheinend war ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort und die Chemie zwischen meinem Chef und mir stimmte. Er sollte mich für die folgenden fast sieben Jahre maßgeblich fördern. So trug ich am Anfang als Assi den Laptop und am Ende als Geschäftsführer die Verantwortung für eine Tochtergesellschaft mit mehr als 200 Mitarbeitern. Zwischen Anfang und Ende sind noch zweieinhalb Jahre als Expatriate in Indien zu erwähnen. Ich liebte das Jetsetting, den eigenen Fahrer, schöne Hotels und viele weitere Annehmlichkeiten des Managerdaseins. In gewisser Hinsicht war es ein Leben auf der Überholspur und ich fühlte mich in der Anerkennungsschleife aus Ehrgeiz und Erfolg ziemlich wohl. Ich war gut drauf. Vor lauter Begeisterung machte ich meinen Job oft auch in meiner freien Zeit. Ich wollte ja alles möglichst gut machen. Und es hat auch Spaß gemacht – zumindest meistens. Nicht nur für mich selbst, sondern auch für die Firma, war ich lange ein engagierter und loyaler Mustermitarbeiter.

Unterwegs im Schnellzug

Doch je dünner die Luft wurde, desto mehr machte mir auf Dauer irgendetwas zu schaffen. Ich verstand erst viel später, was es war, aber im Moment ging mir vieles irgendwie zu schnell. Ich war beherrscht von Nutzendenken und Erledigungstrieb. Irgendwie schien der Sinn der Sache zu kurz zu kommen. Es war wie ein Endlosmagazin das mich mit Notwendigkeiten beschoss, während ein Meer an ablaufenden Eieruhren in meinem Kopf eine Geräuschkulisse erzeugte, die ich auf Dauer nicht aushielt. Irgendwann war ich körperlich und geistig müde. Ich verlor den Biss, gut in dem zu sein, was ich tat. Die Motivation von Äußerlichkeiten wie Auto, Wohnung, Standing und dergleichen wichen einem straken Gefühl von pauschaler Desillusion. Die Frage, was für mich wirklich Sinn hatte und nicht nur von Nutzen war, beschäftigte mich immer mehr. Aber selbst die freien Zeiten am Wochenende oder im Urlaub waren vernebelt vom Schwindel der Überdrehung. Es war, als säße ich in einem Schnellzug und mein Leben würde draußen an mir vorbeiziehen. Als mir das richtig klar wurde, wusste ich: Ich muss raus aus diesem Zug – nur wie?

Der Absprung

Den nötigen Arschtritt gab mir eine Situation im Privaten, in der ich sehr unglücklich mit mir selbst war. Und ein anderer glücklicher Umstand führte dazu, dass ich tatsächlich schnell herauskam. Viel Überwindung war aber auch nicht nötig. Als Junggeselle hatte ich wenig Verpflichtungen und ich war getragen von der Unzufriedenheit mit dem Status Quo. Schon drei Monate nach dem Ziehen der Reißleine kam der Zug zum Stehen und ich konnte meinen Fuß auf neuen Boden setzen.

Und genau hier endete der alte und begann ein neuer Abschnitt. Ziemlich entzaubert beschloss ich erst mal, den Jakobsweg zu laufen (an der Küste entlang – sehr empfehlenswert!). Insgeheim war das schon sehr lange mein Traum und jetzt passte es. Die Wochen im Pilgermodus taten gut und vor allem entschleunigten sie. Nach der Zugfahrt ging es also erst mal zu Fuß weiter! Heute würde ich meine Reisegeschwindigkeit eher mit dem Radfahren gleichsetzen. Ein Tempo, das es mir ermöglicht hat, bewusster zu werden und dem Sinn meines Lebens direkter zu folgen.

Die unsichtbare Brille

Rückblickend fiel mir auf, dass ich in meinen Jobs immer eine Art unsichtbare Brille getragen hatte. Eine Brille, mit einem Filter, durch den ich alles im Licht des Profits sehen musste. Eine Brille, mit einem Filter für Materielles und mit Blocker für viel Menschliches. Allem voran ging es um Zahlen, genauer Geschäftszahlen, die gesteuert, überwacht und verbessert werden mussten. Und es ging darum, wie diese am besten dargestellt werden konnten. Durch die Brille, die ich trug, fielen selbst noch so groß geschriebene Ideale im Zweifel dem Verkauf und der Lieferung zum Opfer. Dann erst kam das Menschliche. Und zwar letzten Endes degradiert darauf einfach zu funktionieren. Alle Personalentwicklung und Führung hatte dieses Ziel. Verständlicherweise. Im Geschäftsleben eines Konsumartikelherstellers ist eben der erfolgreiche Absatz das Herz – danach kommt der Rest.

Aber es sollte auch vorkommen, dass das Menschliche für einen Moment die Führung einnahm und die Business-Hornbrille nicht gefragt war. Gute tiefgründige Gespräche mit Kollegen, Geschäftspartnern, Kunden, in denen einander ehrlich und authentisch begegnet werden konnte. Schwierige betriebliche Situationen mit Mitarbeitern, bei denen ein würdiger und stilvoller Umgang untereinander sich als Schlüssel erwies, um Konflikte in aller Fairness zu meistern. Vorallem aber waren es private Schicksalschläge von nahen Personen, die Raum für wahres „Menschsein“ erzwangen. Dann verstummte der Geschäftslärm blitzartig auf magische Weise. Genauso schnell allerdings riss der gnadenlose Takt des Business-Alltags nach kurzer Zeit wieder alle Aufmerksamkeit an sich.

Alles in allem blieb zu wenig Zeit fürs Menschsein. Für mich viel zu wenig. Und so war es nur die schönste Nebensache meiner vergangenen Berufswelt, zuzuhören wie es jemandem wirklich geht, wer er ist, jenseits dessen was er macht. Und genau deswegen war ich auf lange Sicht fehl am Platz. Heute glaube ich, dass ich ohne die Brille besser sehen kann, aber eben andere Dinge, und mehr von dem, was ich sehen möchte.

Das Menschsein im Mittelpunkt

Bevor noch einer glaubt – vor lauter Brillengerede – ich wolle jetzt Optiker werden … Nein! Im neuen Abschnitt soll die Arbeit mit dem Menschsein die Hauptrolle spielen. In meinen vergangenen Aufgaben nahm ich oft die Rolle des Moderators oder Vermittlers ein, hatte häufig Verständnis, wo im Businesskontext vielleicht mehr Kante zielführender gewesen wäre. Sogar stark narzisstischen Verhaltensweisen konnte ich nicht wirklich böse sein. Immer getragen von der Überzeugung, dass es einen Grund dafür gibt, wie sich jemand verhält und dass es auf die Sichtweise ankommt. Meine Überzeugung: Selten sind die Dinge des Lebens nur schwarz oder weiß, richtig oder falsch. Es kommt auf den Blickwinkel an.

Nach meinem Ausstieg ließ ich mich zum Mediator ausbilden, weil ich mehr darüber lernen wollte, wie Differenzen von Menschen überbrückt werden können. Mit der Ausbildung und mit meiner persönlichen Erfahrungen im Gepäck will ich mich professionell auf persönliche Konflikte an der Schnittstelle zwischen Privat- und Berufsleben spezialisieren. Durch meine Unterstützung sollen für Streitparteien Möglichkeiten entstehen um mit sich selbst und mit der anderen Seite ins Reine zu kommen. Konfliktkompetenz jetzt also nicht nur als Supportmodul, sondern als Hauptfokus…

Und so entpuppt sich der neue Abschnitt meines Lebens als Eintritt in eine andere Welt. In eine bessere da bin ich mir ziemlich sicher. Aber auch die Abschnitte des Lebens sind selten nur gut oder schlecht. Meist ändert sich das auch im Zeitverlauf. Und es hängt davon ab, aus welchem Blickwinkel wir darauf schauen, welche Brille wir aufhaben und mit welchen Augen wir sehen.

Ich biete Streitparteien Lösungen, um mit sich selbst und mit der anderen Seite ins Reine zu kommen.

Anton Hofmann

Konfliktcoach & Mediator, Miteinander im Reinen