Der Straßenverkehr eignet sich hervorragend als Analogie für unser Leben. In kaum einem anderen Lebensbereich rasten Menschen impulsiver und aggressiver aus, wenn es gerade mal nicht so fließt, wie erwünscht. Warum das so ist und mit welchen sechs Tipps du im Verkehrsalltag einen kühleren Kopf behältst erfährst du in diesem Artikel.

 

Ob der Drängler auf der Autobahn, ein weiterer Anwärter um die letzte Parklücke in der Innenstadt oder ein nerviger Radfahrer, der durch sein Gebummel jegliches Vorbeikommen ausschließt: die Gelegenheiten für gegenseitige Anfeindungen im Straßenverkehr sind vielfältig. Was ich allein in den letzten Wochen vor Weihnachten am Steuer meines Autos an Emotionen erlebt habe war auffällig. Eine derartige Häufung hat mich nachdenklich gemacht.

 

Warum erhitzen sich unsere Gemüter auf der Straße so sehr und legen Emotionen so schnell frei?

 

 

Die Emotionsbeschleuniger

Fahren wir Auto, stehen wir meist unter Zeitdruck. Die Autofahrt von A nach B ist in unserer Wahrnehmung oft eine störende Notwendigkeit und wird zum Gegenstand eines unrealistischen Optimismus. Wenn andere Dinge länger dauern, neigen wir dazu, es im Auto wieder rausholen zu können. Kein Wunder, dass daraus eine Nulltoleranz entsteht, wenn zum Beispiel vor uns einer entlangschleicht, als wolle er jeden Moment anhalten, es aber nicht tut.

Und dann ist die eigentliche Fahrt für sich genommen erst mal sinnlos. Im Vordergrund steht am Ziel anzukommen. Und diese gefühlt verschwendete Zeit will doch trotzdem effizient genutzt sein. Deshalb gehen uns beim Fahren gleichzeitig tausend Dinge durch den Kopf und nicht wenige von uns schauen unnötig oft auf ihr Smartphone. Dieses Aufmerksamkeitsdefizit ist natürlich zusätzlicher Nährboden für Verkehrssünden, nämlich für solche, die wir gar nicht beabsichtigen und nur begehen, weil wir abgelenkt sind.

Gerade wenn ein anderer Verkehrsteilnehmer nicht regelkonform navigiert, ist unsere Zündschnur gefährlich kurz. Wie könnte es auch offensichtlicher sein? Er macht sich genau vor unseren Augen schuldig! Fährt 40 in der 50-Zone, oder biegt falsch herum in eine Einbahnstraße. Wir erwischen ihn auf frischer Tat und haben ihn am Wickel. Manche Menschen ereifern sich darin, dass sie den Regelverstoß entlarven – sogar wenn sie gar nicht direkt betroffen sind. Zu groß die kostenlose Gelegenheit, Zeuge vom Unrecht des Anderen zu werden.

Das letzte Quäntchen Beherrschung wird durch die Scheibe zwischen uns und der Außenwelt erstickt. Umso leichter ist bei einem zweifelhaften Manöver der Stinkefinger gezückt, der Vogel gezeigt oder süffisant Applaus gegeben! Man sieht sich ja schließlich gar nicht richtig und höchstwahrscheinlich nie wieder. Außerdem kommt es sehr gelegen, dass die Gegenseite selten eine Erklärungs- oder Reaktionsmöglichkeit hat und unseren Wutanflug letztendlich schlucken muss.

 

Emotionen sind schön und gut – aber machen wir uns mal bewusst wie irrational und engstirnig sie im Straßenverkehr oft sind?

 

 

Zeit für eine Selbstanzeige

Als Autofahrer gibt es Zeiten in denen du entspannt und eher zurückgelehnt unterwegs bist, dann nervt dich einer, der es eilig hat und drängelt. – Wenn du aber den Zeitdruck hast, dann sind die entspannten Verkehrsteilnehmer unerträglich langsam.

Noch augenfälliger ist die Widersprüchlichkeit beim Unmut gegenüber Radfahrern. Nicht wenige Autofahrer sind auch mal selbst mit dem Fahrrad unterwegs und leiden im Handumdrehen unter einer Autofahrerallergie.

 

Dein Blickwinkel entscheidet extrem darüber wer dich aufregt!

Indirekt zeigst du dich für etwas an was du in einer anderen Situation vielleicht genauso gemacht hättest!

 

Rational leuchtet das schnell ein, aber wenn sich die Gemüter erhitzen, fällt es trotzdem schwer, nicht auszuflippen und den anderen von bösartigen und wilden Pantomime-Vorstellungen zu verschonen.

 

Wie können wir uns emotional bremsen, um „drüber zu stehen“, besonders dann, wenn der andere die Fassung verliert?

 

Die Bremsflüssigkeit

Hier sind sechs praktische Tipps wie du in Zukunft sicherer und entspannter ans Ziel kommst!

1 – Die Zeitplanungsfalle!

 

Irrtümlicher Weise nehmen wir die reine Fahrtzeit oft als die Reisezeit wahr. Ein 100km entferntes Ziel erreichen wir mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 100km/h aber eben nicht in einer Stunde! Egal ob die Langstrecke an einen ferneren Ort oder nur die Kurzfahrt in die Stadt: Es ist banal, trotzdem wird oft sehr leichtfertig versäumt rechtzeitig loszufahren. In die Quere kommen Parkplatzsuche, Tanken, Stau. Bis du überhaupt erst mal all deinen Kram zusammen hast und damit in deinem Auto sitzt um loszufahren, vergehen oft schon wertvolle Minuten. Plane also ausreichend Zeit für deine Fahrten ein!

 

2 – Störpotential Smartphone!

 

Wie oft war ich schon unkonzentriert, gar nicht weil ich aufs Handy geschaut habe sondern weil ich es während des Fahrens in meiner Tasche auf dem Beifahrersitz gesucht habe! Damit geht’s ja los. Leg dein Handy in den Kofferraum! Von dort aus verbindet es sich mit der Freisprecheinrichtung und zumindest Telefonaten steht so nichts im Weg. So konditionierst du dich, dass du beim Fahren deine volle Konzentration auf die Straße hast. Und nein, du musst nicht an jeder Ampel deine Nachrichten checken, um dann angehupt zu werden, weil du bei grün nicht losfährst!

 

3 – Der faradaysche Käfig!

 

Im Stress unserer alltäglichen Herausforderungen steigen wir oft bereits geladen ins Auto. Kein gutes Omen für die Fahrt! Deshalb: Bevor du einsteigst, lege kurz die Hand auf dein Autodach um Energie abzuleiten! Dies hat fast einen esoterischen Touch aber tatsächlich auch einen physikalischen Hintergrund. Probier’s doch einfach mal! Es ist besonders hilfreich, wenn du schon selbst merkst, dass du unter Strom stehst!

 

4 – Vielleicht ist’s für was gut, wer weiß das schon!

 

Welche Störung oder Behinderung du auch immer erfährst – frage dich, für was es gut sein könnte. Vielleicht ist dir jemand im Weg und deine Reise wird dadurch so verzögert, dass dir eine völlig andere unangenehme Situation erspart bleibt. Ganz plakativ kommt dies zum Ausdruck wenn Menschen einen Flug oder Zug verpassen auf dem sich dann ein folgeschwerer Zwischenfall ereignet. Etwas theatralisch, kommt aber vor und verwandelt den Menschen, den wir eben noch verteufelten, in den größten Schutzengel, den wir je hatten.

 

5 – Die Flucht nach vorne!

 

Zieh die Handbremse und steige aus! Gerade wenn nichts mehr weitergeht und die Gemüter hochkochen, dann steige aus, gehe zu deinem Kontrahenten und stell dich vor seine Fahrertür. Deeskaliere die Situation indem du ihm seinen sicheren Raum zum Toben und Stur stellen nimmst. Er oder sie wird das Fenster runterlassen und eine zielführende Kommunikation kann entstehen. Mach dir keine Gedanken wegen anderer Verkehrsteilnehmer, denen du im Weg stehen könntest. Die Sensationsneugier wird sie gespannt zuschauen lassen, was passiert. Bitte nicht auf der Autobahn anwenden!

 

6 – Je zorniger, desto freundlicher!

 

Entgegne deinem Gegenüber in der höchstmöglichen Form von Freundlichkeit! Nicht aufgesetzt, sondern echt! Sei maximal versöhnlich und denke daran, dass der andere vielleicht einen so schlechten Tag hatte, dass du ihn selbst deinem größten Feind nicht wünschen würdest. Schenke ihm einen guten Moment, in dem du einfach scheiß nett bist, um die Kuh vom Eis zu bekommen. Ich habe schon unglaubliche Verhaltensänderungen bei Menschen erlebt, die eben noch im Auto wild gestikulierend zu explodieren drohten.

 

 

Diese Tipps – einmal beherzigt – sollten dir deine nächste Konfrontation im Straßenverehr oder vielleicht sogar anderswo erleichtern. Aber bedenke: Die anderen haben diesen Artikel wahrscheinlich nicht gelesen. Und so wissen sie oft nicht, was sie tun. Du aber kannst sie zum Staunen bringen. So gesehen kann ich es kaum erwarten, wieder in eine solche Situation zu geraten und dann den Unbekannten mit 100% Freundlichkeit zu verwundern. Und vielleicht ist es ja gar kein Unbekannter, wer weiß das schon…

 

 

Ich biete Streitparteien Lösungen, um mit sich selbst und mit der anderen Seite ins Reine zu kommen.

Anton Hofmann

Mediator & Konfliktcoach, Miteinander im Reinen